Kinderroman : Erinnerungen sind flexibel

Der britische Autor Ross Welford unternimmt eine turbulente „Zeitreise mit Hamster“.

Manchmal ist die Fiktion doch stärker als die Wirklichkeit.
Manchmal ist die Fiktion doch stärker als die Wirklichkeit.Foto: Coppenrath

So ein Einstieg verblüfft, überrascht und animiert zum Weiterlesen – muss aber sein in einem Roman, der von Reisen in der Zeit handelt, einem beliebten Sujet in der Kinder- und Jugendbuchliteratur: „Mein Dad ist zweimal gestorben“, hebt also Albert Chaudhury, der Ich-Erzähler von Ross Welfords „Zeitreise mit Hamster“ an. „Einmal mit neununddreißig und noch einmal vier Jahre später mit zwölf. (Er wird auch noch ein drittes Mal sterben, was für ihn natürlich nicht gerade erfreulich ist, aber das kann ich auch nicht ändern.)

Wie gut, dass Albert bei diesen vielen Toden seines technikbegeisterten Vaters doch recht gelassen bleibt, zumindest deutet das sein Erzählduktus an. Diese Gelassenheit, diese Ungezwungenheit, fast Heiterkeit macht den sympathischen, gekonnt bis zum Ende durchgehaltenen Ton dieses Zeitreisen-Romans aus, da schützt der britische Journalist und Fernsehproduzent Ross Welford keine falsche Traurigkeit vor. Als Albert, der von allen nur Al genannt wird und einen indischen Hintergrund hat, seinen 12. Geburtstag feiert, bekommt er neben einem Hamster auch einen Brief seines vier Jahre zuvor gestorbenen Vaters geschenkt. Darin kündigt dieser an, gewissermaßen aus der Vergangenheit, dass Al in der Zeit reisen werde und solle, was es mit Einsteins Relativitätstheorie auf sich hat und was für eine Zeitmaschine er seinem Sohn gebastelt hat. Die besteht aus einem Laptop und einer Zinkwanne aus dem Baumarkt, die in Alberts einstigem Elternhaus in einer Garage zu finden sind.

Es dauert in Folge ein wenig, bis Al mit seinem Hamster erstmals eine Reise zurück in die achtziger Jahre antritt, um hier beispielsweise zuerst den Madness-Song „Our House“ zu hören oder mit seinem Handy für Aufsehen zu sorgen. Das aber macht gar nichts, da Welford ein fast Nick-Hornby-haftes Erzähltalent hat und mit lockerem Händchen, viel atmosphärischem Gespür, diversen Listen („Zehn Dinge, die ich über Mum weiß“) und auch Witz erst einmal Als Umgebung und Familie beschreibt.

Der Hamster und der Nationalstürmer

Al lebt mit seiner Mutter, seinem Stiefvater Steve und seiner Stiefschwester Carly in einem kleinen Städtchen an der Nordostküste Englands, irgendwo in der Nähe von Newcastle. Letzteres erahnt man schnell, weil Stiefvater Steve sofort einen Namen für den Hamster von Al hat: Alan Shearer, so wie Englands einstiger großer Nationalstürmer, der den Provinz-Fußballverein Newcastle United auch international bekannt machte.

Alberts wichtigste Bezugsperson aber ist Großvater Byron Chaudhury-Roy. Der kam einst vom Subkontinent auf die Insel, kennt sich mit zeitgenössischem Hip-Hop genauso aus wie mit den Beatles, hat mit „Die Gedächtnispaläste des Sri Kalpana“ ein Buch geschrieben, angelehnt an ein über 3000 Jahre altes Werk indischer Gurus, und erklärt Al, wie wunderbar das Leben doch ist: „Wir sollten jeden Moment genießen und uns an den Erinnerungen erfreuen. Denn Menschen verändern sich. Orte verändern sich. Alles verändert sich, außer die Erinnerungen.“ Was zu beweisen wäre.

Solcherart gewappnet macht Al sich in die Vergangenheit auf, in der er schließlich seinen Vater trifft, wie dieser einen für seinen späteren Tod entscheidend mitverantwortlichen Unfall mit einer Seifenkiste baut und dann als 12-Jähriger ein weiteres, eben drittes Mal ums Leben kommt. Turbulent und abwechslungsreich geht es zu, wobei Al sich immer mal wieder mit den für Zeitreisen typischen Problemen der eigenen Doppelgänger oder der potentiellen Nicht-Existenz in der Realzeit auseinandersetzen muss.

Manchmal schlägt Welford einen Haken zu viel, da will nicht jede technische Finesse auf Anhieb einleuchten, und doch bleibt man gebannt dran. Das Ende, so viel darf verraten werden, ist ein glückliches. Zeitreisen sind gefährlich, eigentlich eine Unart, weiß Grandpa Byron, haben aber ihre Vorteile, gerade in der Literatur. Manchmal ist die Fiktion doch stärker als die Wirklichkeit.

Ross Welford: Zeitreise mit Hamster. Roman. Aus dem Englischen von Petra Knese. Coppenrath Verlag, Münster 2017. 366 Seiten, 14, 95 €. Ab 10 Jahren.

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