Kinderroman : Krieg um den Keller

Simon van der Geest schildert in "Krasshüpfer" einen ungewöhnlichen Bruderkampf.

Ulrich Karger
Simon van der Geest: Krasshüpfer, ein spannender Roman aus den Niederlanden. Foto: Thienemann
Simon van der Geest: Krasshüpfer, ein spannender Roman aus den Niederlanden.Foto: Thienemann

Hidde und Jeppe sind Brüder, die ein großes Geheimnis teilen. Genau genommen sind es zwei Geheimnisse – ein schreckliches, das mit ihrem verstorbenen ältesten Bruder Ward zusammenhängt, und eines, dem ihre Mutter schon seit drei Jahren nicht auf die Spur gekommen ist. Und das, obwohl es sich dabei um einen ganzen Keller handelt, dessen Zugang sich allerdings unter einer versteckten Bodenklappe außerhalb des Hauses in einer direkt daran angrenzenden Scheune befindet.

Mittlerweile sind Hidde elf und Jeppe dreizehn Jahre alt und führen gegeneinander einen beinharten Krieg um den Keller. Dabei hatte Jeppe vor drei Jahren versprochen, dass der Keller allein Hidde für seine Forschungen an lebenden Insekten vorbehalten bliebe. Doch jetzt will Jeppe alle Terrarien und sonstige Aufbewahrungsbehälter raushaben, um darin Schlagzeug üben zu können. Hidde beginnt in seiner Verzweiflung ein Heft vollzuschreiben – nicht zuletzt mit all seinen Abwehrplänen, die auch seine Insekten mit einbeziehen. Es kommt zum Showdown, in dem natürlich auch das „schreckliche Geheimnis“ eine entscheidende Rolle spielt.

Der niederländische Schriftsteller Simon van der Geest wurde für „Krasshüpfer“ bereits mit dem Goldenen Griffel, dem bedeutendsten Literaturpreis der Niederlande für Jugendliteratur, ausgezeichnet. Und das spiegelt sich auch in der Auswahl Mirjam Presslers als kongeniale Übersetzerin dieses so skurril wie einfallsreich ausgetragenen Kampfes zweier Brüder wider, der geradezu alttestamentliche Dimensionen annimmt, aber am Ende doch ein einigermaßen glückliches Ende nimmt.

Sie setzen ihre Interessen durch

Einzig zu bemäkeln ist die Wahl des Titels, der sich mit „Krasshüpfer“ kalauernd an die Jugendsprache anbiedert, obwohl Hiddes Grashüpfer nirgends so bezeichnet werden und in seiner Insektensammlung nur eine geringe Rolle spielen. Dafür, dass ein elfjähriger Junge minutiös diese Auseinandersetzung mit seinem Bruder – zum Teil auch ergänzt um wunderbare, ihm zugeschriebene Illustrationen – aufzeichnet, hat der Autor einen trotz des „Heft“-Umfangs so glaubhaften wie mitreißenden Ton gefunden, der Hidde zu einer ganz besonderen Kinderbuchfigur macht.

Dass eine Mutter weder den Kampf der Brüder noch den Keller zur Kenntnis nimmt, erklärt Hidde mit dem von ihr noch nicht verwundenen Tod ihres ältesten Sohnes Ward und dass sie als Alleinerziehende sehr viel für den Lebensunterhalt zu arbeiten hat. Beide Söhne suchen sie deshalb, wo immer es geht, zu schonen – und nutzen gleichzeitig gnadenlos ihre Unaufmerksamkeit für ihre Interessen aus. Diese durchaus realistisch widersprüchliche Lebenseinstellung korrespondiert hier aber nicht zuletzt mit dem „schrecklichen Geheimnis“. Dessen Auflösung wird am Ende zwingend, um beide Brüder ein neues und sehr anrührendes Vorzeichen für ihr Verhältnis zueinander finden zu lassen. Bis es aber so weit ist, bleibt es für die Leser spannend und hält auch einiges an Situationskomik bereit. Ulrich Karger

Simon van der Geest: Krasshüpfer. Roman. Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler. Illustrationen: Karst-Janneke Rogaar. Thienemann Verlag, Stuttgart 2016. 240 Seiten. 12,99 Euro. Ab elf Jahren.

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