Kultur : Kindersoldaten der Globalisierung

McKinsey kommt schon wieder: Falk Richter inszeniert sein Manager-Stück „Unter Eis“ an der Berliner Schaubühne

Peter Laudenbach

Ein riesiger Konferenztisch, schwarz, kalt und glatt. Die drei Manager, die an ihm sitzen, wirken genauso kalt: gesichtslose Typen in dunklen Anzügen, aufmerksam, intelligent, regungslos. Aha, wieder mal ein Theaterabend mit knallharten Kapitalismusklischees, die nur bestätigen, was man schon immer geahnt hat: In den Chefetagen geht es nicht nett zu.

Doch dann brechen aus einem der Manager Sätze heraus, die nicht in diese Businesswelt passen. Der schwere Mann, ein depressiver Brüter, arbeitet sich durch seinen Monolog hindurch wie durch eine Geröllhalde, in der lauter harte Brocken liegen. Diese Brocken sind Momente aus seiner Kindheit, er erinnert sich daran wie jemand, der wissen will, an welchem Punkt das eigene Leben anfing, schief zu laufen: „Dieses Reißen, dachte ich, dieses Geräusch, nachts, wenn alle schlafen, nur ich wach liege und mein Herz höre, wie es zerreißt, langsam, schreckliches Geräusch.“ Das Gespenstische an dieser Szene sind nicht nur die ungerührten Gesichter der beiden jungen Kollegen, es ist die Selbstverständlichkeit, mit der jemand feststellt, dass es einfach nichts Schönes in seinem Leben gibt. Plötzlich wirkt der kühle Businessraum wie das Echo einer trostlosen Kindheit.

Der Mann ist kein Psychowrack, sondern ein älterer Unternehmensberater, vielleicht der Vorgesetzte der beiden anderen, vielleicht auch jemand, der im Job nicht mehr mithalten kann und demnächst aus der Firma fliegt. Schließlich heißt das Spiel, mit dem Unternehmen wie McKinsey oder Roland Berger für eine fitte Belegschaft sorgen, „Grow or Go“. Wer nicht Karriere macht und zügig die Hierarchieebenen hochklettert, muss gehen. Kein Wunder jedenfalls, dass kaum jemand länger als vier, fünf Jahre bei McKinsey bleibt.

Falk Richter untersucht in seinem Stück „Unter Eis“ die Welt der Berater. Anders als Rolf Hochhuth, der die Unternehmensberater in seinem aufgeregten Kolportage-Reißer „McKinsey kommt“ dämonisiert, fragt Richter nach dem Preis, den die Hohepriester der Effizienz für ihre Stressjobs bezahlen. Was die Berater den beratenen Unternehmen zumuten, tun sie zuerst sich selbst an: permanente Leistungskontrolle, radikales Effizienzdenken. Die Härte gehört zum Image: „Client first, firm second, self third“, lautet die Formel, mit der McKinsey den eigenen Mitarbeitern klarmacht, wo ihr Platz in der Hackordnung ist. Was von diesem, auf ein gut geöltes Funktionieren reduzierten Selbst übrig bleibt, ist die Frage, um die Falk Richters Stück kreist. Die Berliner Schaubühne lädt zur Besichtigung der seelischen Kollateralschäden im Topmanagement.

Falk Richter hat die Uraufführung von „Unter Eis“ selbst eingerichtet. Leider wirkt seine Inszenierung gelegentlich, als würde sie dem eigenen, unterkühlten Text nicht ganz trauen. Betreibt das Stück eine bösartige Mimikry, indem es über weite Strecken so cool wirkt wie ein McKinsey-Berater im Kundengespräch, setzt die Inszenierung zu oft und vor allem zu früh auf Theatralisierung. André Szymanski und Mark Waschke als junge Berater geben in den ersten Szenen die Karikaturen aufgekratzter Business-Neurotiker, die ihre Strategieparolen bellen: „Risiko akzeptieren! Möglichkeiten schaffen! Chancen, die der Markt bietet, zu Kapital machen!“ Das zerstört die starke Wirkung, die Thomas Thieme zu Beginn mit dem depressiven Monolog des verzweifelten älteren Beraters hergestellt hat: Mitgefühl mit den Hochleistungs-Kaputtnicks, eine Mischung aus extremer Kälte und Traurigkeit über das entfremdete, an die Karriere verlorene Leben.

Diese Szene hat im letzten Drittel des Abends ihr unheimliches Echo im Auftritt eines Kindes. Ein hübscher Junge, akkurat im dunklen Anzug mit roter Krawatte und hellblauem Businesshemd wie eine Miniaturausgabe der Manager gekleidet, liest Börsenkurse vor, später wird er von den Beratern als idealer Mitarbeiter bewertet: ein Kindersoldat der Globalisierung. Das Motiv des Anfangs, Kindheitsunglück und Managerleben übereinander zu blenden, taucht im Monolog dieses Kindes wieder auf: „Ich habe nichts mehr zu erwarten. Mein Weg ist schon verplant. Mich erwartet nichts mehr. Ich habe kein Leben mehr vor mir. Das Leben, das vor mir liegt, wurde schon tausendmal gelebt.“

Gute Unternehmensberater legen Wert darauf, nicht nur kalte BWL-Roboter zu sein, sondern originelle, kreative Typen. Dieses Selbstbild jagt Falk Richter mit präzisem Hohn in die Luft. Weil einem der smarten Berater „die Gefahr, innerlich zu veröden“ durchaus bewusst ist, „versuchen wir schon sehr frühzeitig gegenzusteuern“, Zum Beispiel mit der Aufforderung an die Mitarbeiter, sich mit dem anderen Geschlecht zu befassen. Na, dann. Um schön kreativ zu bleiben, entwickelt er ein Musical, in dem es um eine Robbe, Eisbären auf Rollschulen und positive Gefühle geht. Am Ende sitzt die Robbe „in Düsseldorf im Büro, wo sie alles, was sie auf der Reise gelernt hat, auch sofort praktisch umsetzen kann“. Und dann drehen sie auf der Bühne durch. André Szymanski macht die Robbe und schlittert elegant über Eiswürfel, Thieme versinkt in Depressionen und Mark Waschke deliriert von einem never ending Fitnessprogramm, bei dem dann auch gleich noch „die FAZ Korrektur gelesen“ wird.

Am Ende dieses beunruhigenden Abends wird eine kalte Welt entworfen, bevölkert nur noch von Waren, Produkten und Konsumartikeln. Menschen würden in diesem Designerparadies nur stören.

Wieder heute sowie am 20., 22., 26., 27. April.

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