Kultur : Kinderspielplatz für Erwachsene in der Auguststraße

Peter Herbstreuth

Die Kunst-Werke waren seit der Eröffnung 1991 zunächst eine freie, die neuen Möglichkeiten im Ostteil Berlins nutzende Initiative, die wie viele andere kunstorientierte Unternehmungen jener Zeit, etwa "Botschaft e. V." und "Friseur", in baufälligen Gebäuden Ausstellungen organisierten und das gerade entstehende Clubleben begleiteten. Doch nur den Kunst-Werken war es gelungen, dauerhaft die Aufmerksamkeit des Kunstpublikums auf sich zu lenken und den lokalen Diskurs zeitgenössischer Kunst maßgeblich mitzubestimmen. Das brachte dem zur Institution avancierten Forum neuer Tendenzen das Wohlwollen der Kulturpolitiker ein. Die gesamte Anlage wurde 1996 von der Stiftung Klassenlotterie gekauft, dem nunmehr etablierten Verein Kunst-Werke zur dauerhaften Nutzung übergeben und einem Sanierungsprogramm unterzogen. Nun verfügt der künstlerische Leiter Klaus Biesenbach über 2500 Quadratmeter Ausstellungs- und Veranstaltungsfläche im dichtesten Kunstbezirk der Stadt. Im Zuge der Sanierungsmaßnahmen wurde der Künstler Dan Graham mit dem Entwurf eines Pavillons im ersten Hof beauftragt; er dient jetzt als Café. Der Architekt Hans Düttmann baute im zweiten Hof einen Kubus mit Oberlicht (25 mal 20 Meter), den man über eine Empore aus dem alten Gebäude betritt.

Das Haus gab sich deutlich neue Maßstäbe. Und in der Kunstwelt schien es plötzlich akzeptabel, die Kunst-Werke in einem Atemzug mit dem Hamburger Bahnhof zu nennen. So war man gespannt, was zur offiziellen Eröffnung geschehen würde - schließlich handelte es sich am Donnerstagabend um die offizielle Inauguration eines neuen Hauses für Gegenwartskunst zur besten Zeit, während der Kunstmesse "art forum". Man wollte erstaunt werden, war bereit, sich von "der jungen Kunst" herausfordern zu lassen und anzunehmen, dass es sich an diesem Ort um ein Versprechen der Zukunft handeln würde. Die Kunst-Werke hatten sich allen Kredit durch die Erfolgsgeschichte der letzten Jahre hindurch erworben. Doch dann war alles ganz anders. Neben einer Einzelausstellung von Carsten Höller würdigte das Haus mit einer dreistündigen Performance von Marina Abramovic eine verdiente Künstlerin und spielte mit diesem Rückblick in die Geschichte der Performance das Thema der Ausstellung "Warten" an. Mit äußerster Selbstdisziplin stand die Künsterin nackt im grellem Scheinwerferlicht hoch an der Wand der neuen Halle. Aus einem Gefäß am Boden räuchelte Salbeiduft. Eine Rose lag daneben. Der Körper der Künstlerin erschien im Zustand der Heiligsprechung. Insofern war es ein Abschied. Denn Kunst hat keine Priesterfunktionen mehr. Abramovic hing wie ein Zitat an der Wand. Neben diesem großen Akt, der der Lust des in Scharen sich drängenden Publikums auf Spektakuläres entgegenkam, standen an der Wand siebzehn Männer in normaler Straßenkleidung regungslos an der Wand. Manchmal traten sie von einem Bein auf andere. Die fleischliche Präsenz der Künstlerin bekam durch diese Videoprojektion Gary Hills unverhofften Nachdruck. Auch Tony Oursler spielte mit präsenter Absenz. Er stellte vier Kuben in der Größe von Telefonhäuschen in den Raum und projizierte Filme von Telefonhäuschen auf die Kuben. Man schaut, und nichts passiert. So auch vor einer Vitrine mit Hühnereiern von Tamara Grcic. Doch schon hier werden Differenzen zu den jüngeren Künstlern deutlich. Während die älteren einen Zustand fixieren und damit vollenden, erlauben die Jüngeren einen Prozess mit ungewissem Ausgang.

Während "Warten" der Anschauung entgegenkommt, geht es bei Carsten Höller einzig um das Handeln. Wer zum Schauen kam, musste enttäuscht werden. Höller komplettierte die seit der Berlin Biennale fest installierten Rutschbahnen von einer Etage in die nächste mit einem Feuchtraum, einem Dampfbad nebst Bademänteln, einem funktionierenden Kinderkarussell, einem Container zum Hüpfen und Toben, warf große und kleine Bälle dazwischen und machte aus dem Haus einen Spielplatz für Kinder mit Ruheräumen für Erwachsene. Kunst ist zum Betrachten da. Bei der Schau von Carsten Höller wird dem vehement widersprochen. Kunst ist bei ihm ein Handlungsraum zwischen ästhetischer Anschauung und praktischem Nutzen, dient aber in jedem Fall dem Vergnügen und der Entspannung.

Die erste Ausstellung holt große Namen (Jeff Wall, Gary Hill, Tony Oursler) ins Haus und gibt auch Jüngeren einen Spielraum (Begerow, Grcic, Voets). Doch letztlich zählen nicht die Namen, sondern nur die Werke im Ausstellungsbezug. Die Wiedereröffnung war "in Anwesenheit des Staatsministers für Kultur Michael Naumann" angekündigt. Doch dies bedeutete nur, dass er anwesend war. Eine Rede hielt er nicht.

Nun gibt es eine neue Variante der Prominententändelei. Man hätte auch die Anwesenheit von Catherine David, Harald Szeemann, Christos Joachimides und so weiter ankündigen können. Kasper König soll ebenfalls gesehen worden sein. Auch sie hielten keine Reden, wollten aber sehen, was von diesem Flaggschiff der jungen Kunst zu halten sei. Denn jetzt, da das Haus zwar nur bescheiden finanziert ist, aber mit tauglichen Räumen in der ersten Liga spielen kann, stehen plötzlich auch Kuratoren der mittleren Generation in den Startlöchern und warten auf den Fall von Biesenbach, der diese Institution aus dem Nichts heraus zum Renommierbetrieb gemacht hat. Und nun muss er renommieren und das Schiff im Haifischbecken auf Kurs halten.

Was die Inhalte betrifft, stimmt es für die derzeit prekäre Lage der Kunst, zwischen Nutz- und Anschauungsaspekten zu steuern. Doch Galeristen würden gerne die Marktaspekte hervorgehoben sehen. Auch dem wird Rechnung getragen. Und die älteren und in Gefechten gestählten Kuratoren hätten gern ein paar neue Ideen; denn sie wollen wissen, wie die Jungen die Klippen umschiffen. Ein schwieriges Unterfangen, auf das die Anwort offen ist. Doch da die Ankunft von neuen Künstlern mit dem Abschied von Darstellungsformen verbunden wurde und die neue Berliner Künstlergeneration bereits nächsten Monat in der Dependance des New York MoMA, dem P.S. 1, von Biesenbach und Alanna Heiss ausgewählt ist und im Frühling im Museum Folkwang Essen eine Deutschlandtournee antreten wird, ist noch nicht aller Tage Abend. Die Frage ist, ob Biesenbach gegen den Erwartungsdruck ein eigenes Programm zu bieten hat, das die losen Enden der Kunst und der Gesellschaft ebenso traumwandlerisch wie in den turbulenten Anfangsjahren verbinden kann.

Die Pionierzeit ist vorüber. "Warten" heißt die Gruppenausstellung für und gegen die Ereignisgesellschaft, "Sanatorium" die Soloshow als Handlungsraum. Das Haus nimmt regeneriert Anlauf. Aber Zeit ist das Wenigste, was man einer Institution gibt, die sich so weit aus dem Fenster gelehnt hat.Kunst-Werke, Auguststraße 69, bis 2. Januar; Dienstag bis Sonntag, jeweils 12 bis 18 Uhr.

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