Kindesmissbrauch : Korpsgeist und Körper

Sexueller Missbrauch im Schutz der katholischen Kirche: Erklärungsversuch eines Theologen.

Hermann Häring
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Dunkle Mächte. Szene aus Pedro Almodóvars Film "La mala educación", der von der Jugend im katholischen Internat erzählt. -Foto: defd

Die Fragen hören jetzt nicht mehr auf. Wie konnte das Berliner Canisius-Kolleg nur wegen sexuellen Missbrauchs von Abhängigen in die Schlagzeilen kommen? Warum ausgerechnet dieses katholische Elitegymnasium? Wird es nicht von anerkannten Männern des Eliteordens schlechthin geleitet? Und passiert das Debakel nicht ausgerechnet in einer Phase, da sich die katholische Kirche in Berlin auch auf kulturellem und wissenschaftlichem Gebiet ein gutes Renommee aufbaut? Wer die Dinge nur von dieser Warte aus betrachtet, muss sich über den Rektor des Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, tatsächlich wundern. Er trägt Missbrauchsfälle in die Öffentlichkeit, die zwischen 1975 und 1983 geschehen, also ein Vierteljahrhundert vergangen sind. Er tut dies seinen heutigen Schülern an, von denen zwanzig Prozent zudem evangelisch sind. Was haben sie damit zu tun? Trägt er in seine Schule nicht eine lähmende Unruhe hinein?

Die Bedenken sind kurzsichtig. Denn zu den Skandalen von damals kam der eigentliche erst hinzu. Die Kette des Missbrauchs wurde verschwiegen, die Opfer ließ man im Stich. Schon vor Jahrzehnten waren die Folgen eines Missbrauchsschicksals vielen bekannt, denn die Opfer aus Jugendgruppen und Internaten lebten unter uns. Wir konnten ihnen kaum helfen. Inzwischen wissen wir mit empirisch unterbauter Gewissheit: Solche Erfahrungen stoßen Menschen nicht nur in Einsamkeit und Scham, sondern nehmen den Betroffenen auch ihre Würde, zerstören ihre Biografien und ruinieren ihre Liebesfähigkeit. Selbst engsten Vertrauten, Freunden und Partnerinnen konnten sie das Erlebte nie mitteilen.

Vielen bleibt nur noch Wut und Verzweiflung. Noch schlimmer ist, wenn die Opfer den Missbrauch verdrängen. So spalten sie ein Stück von sich ab, was ihr ganzes Leben vergiften kann. Erst recht katastrophal ist es, wenn schwere Depressionen, die Neigung zu Selbstverletzung und Suizid übermächtig werden. Wieder andere nehmen sich nicht mehr als ein verantwortliches, gar freies Ich wahr. Sie stehen buchstäblich neben sich – die Fachleute reden von dissoziativen Erfahrungen. Ihre Identität ist ein für allemal beschädigt.

Deshalb bestünde der allergrößte Skandal darin, dass die Täter von damals keiner öffentlichen Verurteilung zugeführt oder dazu angehalten würden, sich den Opfern wenigstens zu stellen. Verzeihung könnte am Ende eines langen Prozesses stehen. Keine dieser Beziehungstaten kann hilfreich bearbeitet werden, wenn das Opfer nicht ernst genommen und von Dritten unterstützt wird.

Aus diesem Grund verdient Rektor Mertes höchste Anerkennung, wenn er vorbehaltlos und ohne Entlastungsversuche redet, die Betroffenen in einem ersten Schritt um Entschuldigung bittet und sie einlädt, sich ihm oder der unabhängigen Vertrauensperson Ursula Raue anzuvertrauen. Zwar ließ er sich damit drei Jahre Zeit, aber die Betroffenen hatten ihn um Vertraulichkeit gebeten. Um jede neue Verharmlosung zu verhindern, geht er jetzt an die Öffentlichkeit, die ihm im rauen, nicht unbedingt religionsfreundlichen Berlin nicht angenehm sein kann.

Dass dieser Aufruhr die heutigen Schüler beunruhigt, ist verständlich. Man muss ihnen klar machen: Dieser Einschnitt betrifft nicht sie, sondern vergangene Jahrzehnte und dient gleichzeitig ihrem langfristigen Schutz. Wie wir aus der deutschen Geschichte hinreichend wissen, führt für spätere Generationen kein Weg an der aktiven Erinnerung vergangenen Unrechts vorbei. Natürlich lässt sich aufgehäuftes Unheil nur bedingt wieder zum Guten wenden: Manche sind schon daran zerbrochen, anderen wird man nur noch mit symbolischen Gesten beistehen können, wieder andere holt auch die aktuelle Aktion nicht mehr aus ihrer Isolation. Über die konkreten Umstände des Unrechts lässt sich gegenwärtig nicht viel sagen. Endgültige Zahlen sind nicht bekannt; über diejenigen, die wegschauten, wurde noch nicht gesprochen, ebenso wenig wie über frühere Signale, die von Verantwortlichen ignoriert wurden.

Schließlich war mehr als pädagogischer Eifer im Spiel. Innerhalb der Schule hatte sich die „Gemeinschaft des christlichen Lebens“ etabliert, die inzwischen wohl in die „Ignatianische Schülergemeinschaft“ (ISG) übergegangen ist. Solche Organisationen bieten den Jugendlichen über die schulische Arbeit hinaus seelsorgerliche Betreuung an, die noch intensiver die existenziellen, emotionalen und religiösen Tiefenschichten Jungendlicher aktivieren. Ein Eingriff in diese Bereiche verlangt noch drastischere Schutzmechanismen: unbedingte Professionalisierung der Betreuer, Klärung und Festigung ihrer eigenen psychischen Situation, ein System von konsequenter Transparenz, Kontrolle und Supervision.

Hilflos aber macht die Frage: Wie ordnen wir diese Affäre in die vielen Missbrauchsfälle ein, die im vergangenen Jahrzehnt die katholische Kirche weltweit erschüttern? Wir haben das Schauspiel des ehemaligen Wiener Kardinals und Kinderschänders Groher nicht vergessen, der zu seinen Untaten kein Wort über die Lippen brachte. Man erinnert sich an die Verurteilung der Diözese Chicago zu enormen Geldbeträgen an die Opfer. Man liest von der Bereitschaft der Diözese Fairbanks (USA), die sich wegen des Missbrauchs von fast 300 Opfern zur Zahlung von 10 Millionen Dollar bereit erklärte. Wir sind Zeugen einer neuen Skandalwelle, in der zwischen 1914 und 2000 in ganz Irland insgesamt 320 000 Kinder zu Opfern des Missbrauchs und der Gewalt wurden. Gewiss, der gegenwärtige Papst schreitet gegen Missstände entschieden ein. Er zitiert Bischöfe nach Rom und bewegt andere zum Rücktritt. Schon mehrere Male hat Benedikt XVI. sich bei Betroffenen in persönlichen Gesprächen entschuldigt. Seit 2001 ist der Missbrauch von Minderjährigen den römischen Behörden als schwere Straftat zu melden und innerkirchlich zu ahnden. Sie gilt bis zum 18. Lebensjahr des Opfers; dann beginnt eine Verjährungsfrist von zehn Jahren.

Das ist zu wenig. Die päpstlichen Aktionen wirken hilflos. Nach wie vor beschwört der Papst Priesteramtskandidaten, intensiver zu glauben und mehr zu beten. Es gibt Priesterseminare, in denen der Fernsehempfang und die Benutzung des Internets streng reguliert sind. Mehr nicht? Den Kern des Problems hat man noch nicht erkannt. Die römischen Strafbestimmungen sind unter dem Titel „Schutz der Heiligkeit der Sakramente“ veröffentlicht, und man hängt die Straftat des Missbrauchs einem Katalog von Regelverletzungen gegen Eucharistie, Priesterweihe und Bußsakrament an. Offensichtlich sollen sich die Priester nicht mit solchen Handlungen beschmutzen. Was für eine Psychologie!

Die deutschen Bischöfe haben mit ihren Leitlinien vom September 2002 zu bestimmten Fragen Nägel mit Köpfen gemacht; sie erwähnen wenigstens das Leid der Opfer. Sie geben zu, dass man die Tragweite des Problems lange verkannt hat. Eine Vertrauensperson hat tätig zu werden. Das Gespräch mit den Opfern ist zu suchen, der Bischof muss unterrichtet und die Öffentlichkeit angemessen informiert werden. Hinzu kommen vorbeugende Maßnahmen gegen Wiederholungstaten. Bei einem Ortswechsel des Delinquenten ist der dort Verantwortlichen zu informieren und eine weitere Arbeit mit Jugendlichen zu unterbinden. Nichts gesagt wird von der Suspendierung eines Kinderschänders. In einer Kirche, die heiratswillige Geistliche automatisch aus Amt und Klerikerstand entfernt, erstaunt dies umso mehr.

Haben die bischöflichen Bestimmungen etwas bewirkt? Mit ihrer Hilfe lassen sich bekannt gewordene Fälle offensiver regeln und eine vorbeugende Wirkung ist ihnen nicht abzusprechen. Dennoch hält diese Kirche an Randbedingungen fest, die pädophile Handlungen begünstigen und eine wirksame Prävention schwächen. Deshalb ist das katholische klerikale Selbstverständnis einer kritischen Analyse zu unterziehen.

Erstens ist über die Sakralisierung der priesterlichen Kernfunktionen nachzudenken. Sie ist vormodern und vom Neuen Testament nicht gedeckt. Um das Priesteramt schwebt eine Sphäre des Heiligen und Unberührbaren. Der Papst bestärkt diese Haltung massiv. Dadurch wird – zumal bei jungen Menschen – die Abhängigkeit vom Seelsorger gefördert.

Zweitens ist der katholische Klerus von einem intensiven Korpsgeist geprägt. Das fördert die Mechanismen der Geheimhaltung. Der katholische Klerus muss endlich die urdemokratischen Tugenden der Transparenz und Partizipation lernen.

Drittens sagen Psychoanalytiker, dass pädophile Neigungen oft mit Ichschwäche, Anlehnungsbedürfnis und dem Willen zur Einordnung einhergehen. Aber stärker als in vergangenen Jahrzehnten fordern die katholischen Seminare und Studienhäuser wieder Unterordnung. Die Braven werden privilegiert und die Rebellen weggeschickt. So kann sich kein eigenständiger Lebensstil entwickeln. Die Anzahl der Pädophilen ist unter katholischen Priestern gewiss nicht höher als unter anderen Bevölkerungsgruppen. Aber die Chance, seinen Neigungen ungestraft nachzugehen, ist größer.

Viertens ist über den Zölibat zu reden, denn das Problem der Pädophilie lässt sich nicht von dieser Gesamtsituation trennen. Priester haben sich jeder Sexualität zu enthalten. Deren Impulse sind immer präsent, werden aber in eine Tabuzone abgedrängt. Das schafft Unsicherheit, die zum Schweigen führt, dieses wiederum zur Individualisierung schambesetzter Probleme und zur Unfähigkeit, bei intimen Fragen um Hilfe zu bitten.

Generalisierungen sind immer gefährlich, aber mit Gewissheit wurden die vermuteten Täter (wie alle Kleriker) nur unzureichend ausgebildet. Wenn sie ihre Ausbildung in den späten fünfziger oder sechziger Jahren genossen haben, hörten sie über Fragen der Sexualität nur etwas unter dem Aspekt der Selbstdisziplin. Dieses Thema wurde mit spitzen Fingern angefasst; eine professionelle psychologische, gar psychoanalytische Begleitung gab es nicht. Gewiss, zumal unter Jesuiten wurde immer auf Korrektheit geachtet, aber man glaubte auch, die Welt ließe sich mit moralischen Regeln ordnen. Leider war es auch eine Welt, in der die Opfer keine Rolle spielten.

Unser Autor Hermann Häring, 1937 in Pforzheim geboren, lehrte bis zu seiner Emeritierung 2005 katholische Theologie und Wissenschaftstheorie an der Universität Nijmegen in den Niederlanden. Für Aufsehen sorgte 2001 sein im Mannheimer Patmos-Verlag erschienenes Buch „Theologie und Ideologie bei Joseph Ratzinger. Die fundierte Analyse und überfällige Kritik einer zu Stein gewordenen Theologie“. Häring ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in Tübingen.

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