Kultur : Kindheitsfrost

Autobiografische Erzählungen des Holländers F.B. Hotz

Thomas Schaefer

Wenn Maarten ’t Hart seinen holländischen Kollegen Frits Bernard Hotz mit der Bemerkung ehrt, in den Niederlanden und Deutschland gebe es nicht „einen Autor, mit dem Hotz verglichen werden könne“, trifft dies zumindest auf dessen Lebensgeschichte zu. 1922 in Leiden geboren, wurde er einer der renommiertesten Jazzposaunisten seines Landes. Erst 1975, als 52-Jähriger, debütierte er als Schriftsteller. Eine Reihe seiner autobiografischen Erzählungen hat Sybille Mulot zu einem „Roman“ gebündelt hat, mit dem man ihn nun zum ersten Mal auf Deutsch lesen kann und dessen zentraler Ort die Leidener Chaussee ist.

An ihr lag Hotz’ Elternhaus, der Bühne seines Aufwachsens und der Trennung der grundverschiedenen Eltern: der Mutter, charakterisiert als „die Ernste und Fromme“, und des Vaters, eines Lebemanns, der es zu Hause selten aushält. Staunend und verwirrt müht sich Frits, das Treiben der Erwachsenen zu begreifen. Der Vater ist der Leitstern, um dessen Aufmerksamkeit der Sohn buhlt. Gemeinsam hocken sie an stillen Sonntagen am Fenster zur Chaussee und zählen die vorbeifahrenden Autos. In den stärksten Texten gelingt es Hotz, aus Details das Psychodrama einer ganzen Kindheit zu entwickeln. Hotz erzählt exakt und sinnlich vom „Duft der Kinderhaut bei leichtem Frost“, von den Gegenständen des Haushalts, von einem Fest im Elternhaus, dessen Verlauf das in seinem Bett liegende Kind nur über die Geräusche erschließen kann, und in denen eine Vorahnung von den Verlockungen und Verfehlungen des Lebens als Erwachsener mitschwingt.

Mitunter sind die Texte auf ein rein anekdotisches Nacherzählen reduziert. Vielleicht kommen diese schwächeren Stücke aus Hotz’ skrupulöser Arbeitsweise: Nachdem auch seine Ehe gescheitert war, bewohnte er bis zu seinem Tod im Jahr 2000 ein kleines Zimmer im Haus seiner Schwester, wo er an seinen Texten feilte und den ersten, laut ’t Hart meist gelungenen Wurf mitunter verschlimmbesserte. Ein Buch aus jenem Kindheitsland, „das lange zögert, eh es untergeht“. In seinem Werk hat es F.B. Hotz bewahrt.

F.B. Hotz: Die Chaussee. Roman in Erzählungen. Ausgewählt und aus dem Niederländischen von Sybille Mulot. Nachwort von Maarten `t Hart. Arche, Hamburg 2004. 284 S., 21 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben