Kultur : Kings of Convenience / Turin Brakes: Die Stille nach dem Frust

Heiko Hoffmann

Schwer zu sagen, wann zuletzt soviel Lärm um so leise Klänge gemacht wurde. Fest steht, dass es um kaum eine Musik soviel Aufhebens gibt wie um die konzentrierten, emotionalen und stillen Lieder von den Kings Of Convenience und Turin Brakes. Als "Norwegens Antwort auf Simon & Garfunkel" kamen Erlend Oye und Eirik Glambek Boe von den Kings Of Convenience zwar zu eher zweifelhaftem Ruhm. Doch ihr Debütalbum wurde vom "Stern" bereits jetzt zur "schönsten Platte des Jahres" erkoren. Und "The Optimist", die CD von Turin Brakes, wurde von der "Süddeutschen Zeitung" zum besten Debüt der letzten zwanzig Jahre ernannt. Mit ihnen nimmt ein Trend Gestalt an: die Rückkehr der Leisetreter.

Die Kings Of Convenience selbst sprechen von einer Wiederentdeckung der "Sounds Of Silence", und tatsächlich gibt es Anzeichen für eine Renaissance akustischer Gitarrenklänge und zärtlich-melancholischer Folk-Songs. Orientierten sich Britpop-Gruppen wie Blur und Oasis an wüst-derben Rockbands wie den Kinks oder The Who, stehen nun Joni Mitchell, Leonard Cohen und Nick Drake hoch im Kurs. Von Tim Buckley, dem Folkhelden der späten 60er Jahre, erscheinen neue Anthologien, Songs von Tim Hardin sind plötzlich als Filmbegleitung zu hören, in der charmanten High-School-Komödie "Rushmore" wird Cat Stevens wiederentdeckt

In der Vergangenheit widmeten sich Künstler wie Belle & Sebastian, Beth Orton, Palace Brothers oder die Red House Painters ebenfalls ruhigen Klängen. Allerdings blieb ihnen der Medienrummel verwehrt, der aus den bescheiden auftretenden Folkies jetzt Galionsfiguren der Stille macht. Dafür ist vor allem das Schlagwort "Quiet Is The New Loud" (Das Leise ist das neue Laute) verantwortlich. Noch bevor das Erstlingswerk der Kings of Convenience im Januar veröffentlicht wurde, diente ihr Albumtitel bereits als perfekter Slogan für eine Bewegung, die von dem englischen Fachmagazin "New Musical Express" als "New Acoustic Movement" tituliert wird und so disparate neue Gruppen wie Elbow, Alfie, I Am Kloot zusammengefasst. Für Erland Oye hätte gar nichts besseres geschehen können. "Auf den Titel kam ich schon vor zwei Jahren, als Eirik und ich noch in einer Rockband spielten. Ich fand ihn so großartig, dass ich eine passende Platte dazu aufnehmen wollte. Das sich jetzt die Medien darauf stürzen und uns somit eine Aufmerksamkeit zukommt, die wir ohne den Albumnamen gar nicht bekommen hätten, hatte ich zwar gehofft. Aber das Ergebnis überrascht mich doch."

Weniger angetan zeigt sich das Südlondoner Duo Turin Brakes. "Wenn du mit einem Trend assoziiert wirst, erlischt das Interesse an dir, sobald es einen neuen Trend gibt", befürchtet Ollie Knights. "Unsinn", entgegnet ihm Erland Oye. "Unsere Musik ist auf das Wesentliche reduziert und kommt ganz ohne modische Effekte aus. So lange sie gut ist, wird sie diesen Hype auch überstehen." Am liebsten würde der smarte Norweger mit seinen schlichten Kompositionen den Grundstein für eine neue Musik legen. "Im Laufe der letzten zehn Jahre wurde so viel gesamplet, dass den Leuten bald das Material ausgehen wird. Es ist an der Zeit, dass wieder etwas Neues geschaffen wird, das gesamplet werden kann", so Oye.

Vielleicht nimmt sich dieser Aufgabe ja einer der Produzenten an, die auf der wunderbar wohlklingenden Compilation "Folky - Acoustic Music in Digital Times" (Spectrum Works) vertreten sind. Studio-Künstler wie Zero 7, Scuba oder Victor Davies verbinden hier intime, akustische Klänge mit moderner Produktionstechnik. "Historisch betrachtet hat die Dance Music der Melodie wenig Beachtung geschenkt und statt dessen rhythmischen Imperativen den Vorzug gegeben. Mit dem köstlichen Ergebnis, dass die Melodie zu einem mit Schuldkomplexen beladenen Vergnügen und einem fruchtbaren Boden geworden ist", schreibt der englische Musiktheoretiker Kodwo Eshun in den Linernotes zur Platte. Und glaubt, den Soundtrack einer "Neuen Häuslichkeit" zu hören.

Den Trend zur Musik als Klang-Tapete, die sich nach Belieben wechseln lässt, forcieren seit geraumer Zeit zudem Wohnzimmercompilations mit Titeln wie "ComfortZone", "Coming Home" oder "Music For Modern Living", die wie die akustische Entsprechung zur englischen Zeitschrift "Wallpaper" klingen. Das Magazin, das mit dem Satz wirbt: "Das Zeug, das dich umgibt", urteilte unlängst über die Kings of Convenience: "Ruhig, schön, sehr skandinavisch." Ein Prädikat, das auch einem IKEA-Regal zugedacht sein könnte. Und in der Tat verbirgt sich hinter der auffälligen Nähe zu Simon & Garfunkel ein Rückzug ins private Wohlbefinden: Wie das amerikanische Sänger-Duo der politischen Resignation in der zweiten Phase des Vietnamkriegs eine versöhnliche Note gab, reagieren die Kings of Convenience auf die Abnutzung exzessiver Macho- und Revoluzzer-Gesten. Denn der proletarisch-ironische Lad des Brit-Pop hat sich ebenso verbraucht wie das androgyn-schäbige Wildkatzen-Image, mit dem Limp Bizkit eine vermeintliche Teenager-Revolution begleiten. Statt dessen singen Typen, die sich kaum als Popidole eignen, über zarte Gefühle.

Nur bei öffentlichen Auftritten weiß das Publikum der Bands, die in der nächsten Woche nach Deutschland kommen, offenbar nicht, wie es mit der neuen Besinnlichkeit umgehen soll. Als sie kürzlich ein Konzert in London gaben, war der Lärm der Fans so laut, dass das norwegische Duo sein Konzert bereits nach vier Lieder abbrechen musste. Wer weiß, vielleicht ist das Laute ja bereits wieder das neue Leise.

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