Kultur : Kinnhaken in Orange

Flirt mit der Malerei: Der US-Konzeptkünstler John Baldessari in der Berliner Guggenheim

Nicola Kuhn

Ein Begräbnis erster Klasse. Schöner ist die Malerei nie zu Grabe getragen worden. Cheerleader schwenken die Beine und wedeln mit ihren Puscheln, eine Musikkapelle spielt, ein gigantischer Sarg wird in die Tiefe versenkt. Dabei ist es eigentlich gar kein Sarg, sondern ein gigantisches Etwas in Orange. Der Betrachter begreift erst, was er sieht, wenn er den Titel des Bildes gelesen hat: „Coffin (Orange)“. Danach ist er – wie bei einem Vexierbild – kaum noch in der Lage, etwas anderes in dem Farbflecken zu sehen, als die Umrisse eines Sarges. Dem amerikanischen Konzeptkünstler John Baldessari bereitet es offensichtlich größtes künstlerisches Vergnügen, die abstrakte Malerei in die Grube fahren zu lassen.

Doch Totgesagte leben länger, und auch Baldessari zelebriert mit diesem Abschied letztlich eine emphatische Wiederkehr. Über dreißig Jahre liegt es zurück, dass der abtrünnige Maler im Rahmen des „Cremation Projects“ seine frühen Werke sämtlich verbrannte, um deren Asche in einer Urne in Buchform aufzubewahren. Der 73-jährige Konzeptkunst-Altstar, der fortan nur noch Text und Fotografie miteinander kombinierte, beginnt sich ganz offensichtlich seiner Wurzeln zu besinnen, auch wenn seine Annäherung vor hämischen Anspielungen nur so strotzt. Steckt in dem verzweifelten Kampf der Filmfiguren gegen das Gewirr der Bänder, die Baldessari blau und orange einfärbte, nicht auch eine Spitze gegen Jackson Pollock? Und ist in den rot, grün und blau übermalten Gitterstäben seiner Gefängnisbilder nicht ein Seitenhieb auf Piet Mondrian zu erkennen?

„Somewhere Between Almost Right and Not Quite (With Orange)“ überschrieb der Künstler seine 13-teilige großformatige Bilderreihe, die er im Auftrag des Berliner Guggenheim-Museums schuf. Ganz konnte er sich also nicht entscheiden zwischen dem einen und dem anderen, der Konzeptkunst und der Malerei. Doch diese Lücke füllt er mit der Bravour eines Grandseigneurs der Massenmedien, der die Popart mit der Muttermilch eingesogen hat. In seinen heutigen Bildern ist die Überhöhung des Alltags wiederzuerkennen, gemischt mit einer gewissen Sentimentalität für die Atmosphäre der Sechziger. Für seine großformatigen Schwarz-Weiß-Bilder wählte er Motive aus der Welt der Werbung und amerikanischer B-Movies aus. Deren Protagonisten erscheinen uns heute wie lächerliche Helden, und doch trifft Baldessari erstaunliche Aussagen über das Sein. Zum Beispiel in den Paar-Serien, in denen die Partner wahlweise einander zuprosten oder in bester Wildwest-Manier Kinnhaken austeilen. Baldessari übermalt hier das zentrale Objekt – die erhobenen Gläser oder die ausgefahrene Faust – und demonstriert damit Kommunikationsmodelle in grotesk überzogener Weise.

Über Baldessari darf man schmunzeln und seine Lust am Spiel mit der Oberfläche goutieren. Seine Guggenheim-Arbeit eröffnet jedoch eine weitere Dimension neben seinem neuesten Flirt mit der Malerei. Der Künstler war immer schon ein Meister der Kombination, der durch Kombination unterschiedlichster Motive völlig neue Assoziationsräume öffnete. Hier aber schwingt in der Heiterkeit immer auch das Dramatische, das Sinistre mit. „Betweenness. I’m concerned with what happens between things and ideas“, hat er sich zu seiner Berliner Serie geäußert. „I believe the German word is Zwischenraum.“

Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13/15, bis 16. Januar; täglich 11–20 Uhr, donnerstags bis 22 Uhr. Katalog 28 Euro.

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