Kultur : Kino 1998

Ein Hoch auf Amerika - Trauer um Deutschland, heißt es im diesjährigen Kino-Jahresrückblick.Das Kinojahr 1998 brachte in der Gunst der Kritiker eine relativ eindeutige Verteilung.Während der im vergangenen Jahr so erfolgreiche deutsche Film dieses Jahr gleich fünfmal in der Flopregion rangiert (davon allein dreimal Nico Hoffmanns ehrgeiziges "Solo für Klarinette") und mit Peter Lichtefelds stillen "Zugvögeln" nur einmal in der Topregion, konnte das amerikanische Kino mit der "Truman Show", "Titanic" "The Big Lebowski" und "Verrückt nach Mary" gleich vier Spitzenreiter verzeichnen.Daß Steven Spielbergs millionenschwerer "Saving Private Ryan" den westeuropäischen Kritikeraugen zu patriotisch, zu bombastisch, ja militaristisch erscheint, verwundert im Rückblick ebenso wenig wie die durchgehende Ablehnung von Endzeitspektakeln wie "Armageddon" und "Starship Troopers".Lob dagegen durchweg für Outsidererfolge des europäischen Autorenkinos: Roberto Benignis "Das Leben ist schön" schaffte es gleich zweimal in die Topliste, Erick Zoncas sensibles Debut "Liebe das Leben" mit seinen brillanten Hauptdarstellerinnen und Abbas Kiarostamis monothematischer "Geschmack der Kirsche" zeugen davon, daß nachdenklich machende Filme im Kino ihr Publikum finden.(til)



Jan Schulz-Ojala



Top: "Die Truman Show" (USA) von Peter Weir und "Wag the Dog" (USA) von Barry Levinson.



Das Medium Kino über das Medium Wirklichkeit: extrem komisch, tieftraurig, superklug.





Flop: "Solo für Klarinette" (Deutschland) von Nico Hofmann.

Götz George outriert, Corinna Harfouch kapituliert: eine deutsche Beziehungstragödie.



Kerstin Decker



Top: "Zugvögel - Einmal nach Inari" (Deutschland) von Peter Lichtefeld.

Eine Metaphysik der Langsamkeit.Über die Unmöglichkeit anzukommen.Kino für Bahnreisende also.Der schönste deutsche Film des Jahres.



Flop: "Hinter dem Horizont" (USA) von Vincent Ward.

Robin Williams ist im Himmel.Der erste Film direkt aus dem Jenseits.Jenseits des Geschmacks, jenseits der Dramaturgie, jenseits ...





Ralph Geisenhanslüke

Top: "The Big Lebowski" der Brüder Ethan und Joel Coen (USA), stellvertretend für "Jackie Brown", "Die Truman Show", "Boogie Nights" und die anderen, die zeigen, daß Autorenkino nicht wie Wenders oder Schlöndorff aussehen muß.



Flop: "Der Soldat James Ryan" von Steven Spielberg (USA): Blutorgie, die sich moralisch preiswert auf die sichere Seite stellt.Kein Anti-, sondern ein Kriegsfilm.



Julian Hanich

Top: "Die Truman Show" (USA) von Peter Weir: Ein Film wie ein Diamant! Aus welchem Blickwinkel man ihn auch betrachtet - amerikaskeptisch und medienkritisch, religionsphilosophisch und freudianisch - er funkelt immer.



Flop: "Starship Troopers" (USA) von Paul Verhoeven.Militaristisch und menschenverachtend, zynisch und dumm.Bitte alle Kopien des Films in den Weltraum katapultieren, wo sie von insektenähnlichen Glibbermonstern zerstört werden.





Harald Martenstein

Top: "Das Leben ist schön" (Italien) von Roberto Benigni.Stellvertretend für alle Filme, die ein Wagnis eingehen.



Flop: "Widows" (Deutschland) von Sherry Hormann.Stellvertretend für alle risikoscheuen Komödien.



Frank Noack

Top: "Liebe das Leben" (Frankreich) von Erick Zonca.Großes Gefühlskino ohne Kitsch und ohne Pathos.Ein trauriger Film, der trotzdem glücklich macht.



Flop: "Armageddon" (USA) von Michael Bay.Der ultimative Haß-Film: umherfliegende Steine, hektische Kamera, militaristische Propaganda und als Lohn für das Ganze fünf Millionen Zuschauer.



Carla Rhode

Top: "Das Leben ist schön" (Italien) von Roberto Benigni.Ihm gelingt das Unmögliche: einen Film über das Verbrechen an den Juden mit den Mitteln des populären Kinos zu drehen - und tief zu erschüttern.Statt Rekonstruktion der Realität eine märchenhafte Komödie, die weder verharmlost noch tröstet - noch Raum für Hoffnung läßt.



Flop: Dazu fallen mir viele Titel ein, bloß einen zu nennen, wertet die anderen auf, ist also ungerecht.Aber wenn es denn sein muß: "Godzilla", "Lolita", "Mit Schirm Charme und Melone", "Solo für Klarinette" ...Fazit: ein an Flops besonders reiches Kinojahr!



Hans-Jörg Rother

Top: "Der Geschmack der Kirsche" (Iran) von Abbas Kiarostami, wegen seiner unerschütterlichen Ausdauer, seines entschlossenen Ernstes und der Hoffnung im Blick auf das Wesentliche.



Flop: "Solo für Klarinette" (Deutschland) von Nico Hoffmann, wegen seines halbherzigen Pseudorealismus und des marktschreierischen Einsatzes zweier Stars.



Christian Schröder

Top: "Verrückt nach Mary" (USA) von den Gebrüdern Farrely.Situationskomik, Ping-Pong-Dialoge und Krawallhumor sind gute Schmiermittel für das Getriebe einer Komödie.Dieses Radikal-Lustspiel wird aber außerdem noch von ganz anderen (Körper-) Flüssigkeiten zum Laufen gebracht.



Flop: "Der Soldat James Ryan" (USA) von Steven Spielberg.Ein Film, der ein Antikriegsdrama sein möchte, aber eine Only-the-good-die-young-Landserplotte bleibt, ist vor allem eins: bigott.



Christina Tilmann

Top: "Titanic" (USA) von James Cameron.Weil die Märchengeschichte vom Regisseur, der um seines aberwitzigen Filmprojekts willen auf Gage verzichtet und dann in beispielloser Schnelle die Leinwände der Welt erorbert, noch einmal beweist, daß wer wagt, gewinnt im Filmbusiness.Abgesang des guten, alten Hollywoodschinkens, anachronistisch und bewegend.



Flop: "Liebe deine Nächste" (Deutschland) von Detlev Buck.Bitterer Schlußpunkt eines von deutschen Flops gesättigten Kinojahrs, mit dem sich ein ehrgeiziger Jungregisseur endgültig als Mittelmaß klassifiziert.Eine Hoffnung weniger.

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