Kino : Champagner zur Überdosis

Olias Barcos Gruselfarce „Kill Me Please“.

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Foto: Neue Visionen
Foto: Neue Visionen

Die Schauspieler, wenn sie denn ernstlich zu tun bekommen, sind klasse. Allen voran Aurélien Recoing, der vor zehn Jahren in Laurent Cantets „Auszeit“ erstmals Eindruck machte: Hier spielt er den Selbstmordklinik-Chef, der seine Aspiranten sanft und beharrlich von der Notwendigkeit eines kultivierten Suizids zu überzeugen sucht. Nicht zu verachten auch die Super-Belgier Benoît Poelvoorde und Bouli Lanners, die bereits in den sehr belgischen Farcen „Aaltra“ und „Louise Hires a Contract Killer“ brillierten. In „Kill Me Please“ geben sie zwei Suizidkandidaten, deren Todessuche erfolgreich verläuft, wenn auch höchst verschieden.

Auch das Setting ist erlesen. Die Klinik in entlegensten belgischen Wäldern erinnert, weißer Winter inklusive, beträchtlich an Kubricks „Shining“-Location. Wunderhübsch, sofern das Wort zum Genre der Serienselberkillergroteske passt, auch die Kameraarbeit von Fréderic Noirhomme. In so feinem Schwarz-Weiß hält er die Gruselwelt des Gebäudes nebst Umgebung fest, dass Alfred Hitchcock selig ihn todsicher für „Psycho 3“ verpflichten würde. Und erst das Drehbuch von Stéphane Malandrin, jedenfalls anfangs: welch perlende Dialoge, welch feines Sterben mit letzten Wünschen nach Champagner und nackter Schönen, und die Überdosis Pentobarbital gibt’s nebenbei!

Nur wie das Ganze dann in Szene gesetzt ist und aus dem Ruder läuft, das lässt sich nicht mit der demonstrativ anarchischen Wildheit bemänteln, die Regisseur Olias Barco im Gespräch an den Tag legt. Bekannt geworden ist er 2003 mit dem Camp-Actionkrimi „Snowboarder“, der von Kritik und Publikum einträchtig abgelehnt wurde. So einhellig sei das Nein gewesen, sagt der südfranzösische Bauernsohn, dass er vor ein paar Jahren nach Belgien ausgewandert sei. Dort habe er „kulturelles Asyl“ sowie passende Kreativfreunde vorgefunden und seinen zweiten Langspielfilm in die Wege leiten können – bei einem guten Glas Bier in der Stammkneipe natürlich.

Schon klar, hier meint einer nichts ernst, das todernste Thema Selbstmord am allerwenigsten. Dem Film muss das nicht unbedingt schaden. „Kill Me Please“ aber verliert sich, nach dem eindrucksvollen Entwurf eines böse schillernden Paralleluniversums, bald in der wüsten Abschlachtplatte. Erst gehen die Todessüchtigen aufeinander los, dann machen anonyme Nachbarn dem Klinikspuk ein Ende.

Worauf Barco mit der erst irren, dann wirren Geschichte hinauswill, wird auch im Gespräch nicht recht deutlich. Die Erkundung der moralischen Grauzone, in der etwa die Suizidassistenztrainer der Schweizer Firma Dignitas operieren, ist seine Sache nicht. Eher kritisiert er pauschal den „konsumorientierten“ Menschen, der „zur Not auch bei Ikea seinen Tod bestellt“. Folglich pochen seine lebensmüden Helden im Tohuwabohu so eifrig auf Vertragserfüllung, wie mancher Tourist aus Reisemängeln Vorteil zieht. Das Ergebnis ist so laut wie öde. Das Filmfest Rom hat sich 2010 – mit dem Hauptpreis für „Kill Me Please“ – dennoch die Kugel gegeben. Jan Schulz-Ojala

OmU: Central, Lichtblick, Moviemento, Tilsiter Lichtspiele

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