Kino : Das launische Entlein

"Bonjour Sagan" versucht eine Ehrenrettung der Françoise Sagan. Eine Neubewertung des Lebens und Werkes der französischen Kultschriftstellerin bleibt trotz leider aus. Das liegt vor allem an der schüchtern wirkenden Hauptdarstellerin.

Christina Tilmann
Sylvie Testud
Dolce vita: Françoise Sagan (Sylvie Testud) liest im Film Marcel Proust. -Foto: ddp

Nicht immer ist es klug, eine Geschichte rückwärts zu erzählen. Das Leben der Françoise Sagan zum Beispiel: in der Rückschau eine einzige Jammergeschichte. Da sitzt die einsame Alte am Fenster, bewacht von einem Haushälterinnen-Zerberus, und wenn ein zudringlicher Journalist am Tor klingelt, wird ihm beschieden: „Sie wohnt hier nicht mehr.“

Eine Kultfigur, die in Vergessenheit gerät. Die späten Jahre in Armut und Krankheit, Drogen- und Alkoholabhängigkeit, und vielleicht noch größerer Abhängigkeit von den letzen Freunden, die geblieben sind: Das ist ein Trauerspiel, eine Tragödie, und der Film von Diane Kurys malt sie mit fetten Strichen aus. Wie viele Diven sind so geendet, in Einsamkeit und Vergessenheit: Marlene Dietrich, Greta Garbo, die Schauspielerin Jean Seberg, die die Hauptrolle in Premingers Verfilmung von „Bonjour Tristesse“ spielte, und eben auch Françoise Sagan. Schon klar, das hier wird eine Anklage, eine Rehabilitation der bewunderten Autorin, die ihr Übermut, ihre Großzügigkeit, ihre Lebensfreude in Schulden, Unfälle und Abhängigkeiten führten.

Das Problem ist nur: Die Zeit davor, die kommt nie richtig zum Leuchten. Auch wenn die Schauspielerin Sylvie Testud, hierzulande vor allem durch ihre Rolle in Caroline Links Erstling „Jenseits der Stille“ bekannt, sich der Sagan bewunderswert angenähert hat: Der sprühende Charme dieser Frau, die bei ihrem Rekordstart mit „Bonjour Tristesse“ 1954 als 18-Jährige Publikum und Presse, Männer und Frauen bezauberte, Bestseller nach Bestseller liefert und zu dem mondänen Jugendidol der Fünfziger wurde, der wird nie richtig spürbar.

Barfuß im Jaguar, zwischen Parties und Casino, Affären und wilde Freundschaften, Lebenslust und Klatsch und Tratsch: Das war die Welt der Françoise Sagan – oder zumindest die Welt, die die Welt in ihr sehen wollte. Der Film „Bonjour Sagan“ hingegen porträtiert eine skrupulöse Autorin, ein Bürgerskind, das vergeblich den Aufstand probt. Eine Schriftstellerin, die brillante Bonmots nur so aus dem Ärmel schüttelt und doch zeitlebens mit dem Vorwurf kämpft, nur leichte Unterhaltungsliteratur zu fabrizieren, genährt am eigenen Leben. Kritikunfähig, von Selbstzweifeln zerfressen, kämpft sie mit den eigenen Minderwertigkeitskomplexen, und kämpft auch mit einer bornierten Inner-Circle-Kritik, die schöne, reiche, weibliche Neuzugänge per definitionem nicht gelten lassen will.

Ein bisschen von dem verschüchterten Vögelchen, der gehemmten höheren Tochter hat Sylvie Testuds Françoise immer, auch in den ausgelassensten Szenen – und die Exzesse, die zwanghafte Art, mit der sie Geld zum Fenster herauswirft, erscheinen weniger als Großzügigkeit und Übermut denn als der Versuch, sich Liebe und Anerkennung zu kaufen. Die zwei verunglückten Ehen, die große Liebe Peggy Roche (Jeanne Balibar), die früh an Krebs stirbt, die letzte Freundin Astrid (Arielle Dombasle), die die kranke Sagan eher ausnutzt als pflegt, all das hat in dem Film eine Folgerichtigkeit, die im letzten Bild der einsamen Alten mündet.

Ihren Nachruf hat Françoise Sagan vorsorglich selbst geschrieben. Er lautet, lakonisch knapp: „Wurde 1954 mit einem schmalen Roman berühmt, Bonjour Tristesse, der für einen weltweiten Skandal gesorgt hat. Nach einem Leben und einem Werk, die genauso angenehm wie verpfuscht waren, war ihr Tod nur noch für sie selbst ein Skandal.“

Ein berühmtes Buch und ein verpfuschtes Leben: Mehr hat auch der Film, trotz aller biografischen Sorgfalt, nicht zu bieten. Man hätte die Autorin gegen ihr eigenes vernichtendes Verdikt verteidigen müssen. Doch eine Neubewertung aus dem wilden, kühlen, klugen Geist der Françoise Sagan steht nach wie vor aus.

Der Film läuft ab Donnerstag im Kino

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