Kultur : Kino: Die Frauen von Mea Shearim

Nils Meyer

Amos Gitaï beobachtet genau. Und nimmt sich Zeit für Details. Minutenlang zeigt er in einer starren Kameraeinstellung, wie sich ein Mann nach dem morgendlichen Aufstehen ankleidet. Wie er ein Leibchen um seinen Hals hängt und in die Hose schlüpft. Wie er das Hemd anzieht und den Gebetsriemen um den Arm wickelt. Jede Bewegung: ein Ritual. Jedes Kleidungsstück: eine Segnung. Vor dem Gang in die Synagoge bedankt sich der Mann bei seinem Gott - dass er nicht als Frau geboren wurde.

In Mea Shearim ist die Zeit stehen geblieben. Der alte Jerusalemer Stadtteil ist eine Stadt in der Stadt, eine hermetische Welt ohne Radio und Fernsehen. Hier leben die Haredim, eine Gemeinschaft orthodoxer Juden, die sich jeglichem äußeren Einfluss verschließen. Die einzigen Paragrafen, die hier gültig sind, stehen im Talmud. Und diesen Regeln folgen die Haredim wortwörtlich, fundamentalistisch. Mit "Kadosh", zu deutsch: heilig, schaut Amos Gitaï in diese fremde, archaische Welt - und die ist patriarchalisch und restriktiv. Vergewaltigungen in der Hochzeitsnacht gehören ebenso dazu wie Prügel vom Ehemann.

Der Film erzählt von zwei Schwestern, für die es keinen Platz gibt in dieser bedrückend engen und engstirnigen Gesellschaft. Die ältere, Rivka (Yaël Abecassis), lebt seit zehn Jahren mit ihrem Mann zusammen. Sie lieben sich, innig und aufrichtig, doch der alles beherrschende Rabbi drängt das Paar zur Trennung. Noch immer ist ihre Ehe kinderlos geblieben, und eine Frau, die keine kleinen Israelis gebärt, hat keinen Wert für die Gemeinschaft. Die jüngere Schwester, Malka (Meital Barda), liebt einen Außenstehenden, einen Popmusiker, doch sie wird auf Anordnung des Rabbis mit einem fanatischen Talmud-Schüler verheiratet. Die eine wird ihr Schicksal ertragen und daran zerbrechen, die andere rebelliert. Frauen gehen in Mea Shearim zu Grunde. So erzählt es das Kammerspiel. Wollen sie ein freies Leben führen, so müssen sie fort von hier.

Mit zahlreichen Dokumentarfilmen hat Amos Gitaï seinen präzisen Blick geschärft. Nur wenige liefen bisher in deutschen Kinos, zuletzt "Im Land der Orangenhaine" (1994) und "Ein Haus in Jersualem" (1998). "Kadosh" ist nun sein erster Spielfilm nach einem fiktionalen Stoff, doch der Blick des Dokumentaristen ist ihm deutlich anzusehen. Durch seine langen, ruhigen Einstellungen erzeugt der Film den Eindruck, als habe sein Regisseur bloß vorgefundene Szenen abgefilmt, anstatt sie zu inszenieren.

Wo andere Filme abblenden, läuft die Kamera in "Kadosh" einfach weiter. Wir sehen den Alltag in der Gemeinschaft jenseits der eigentlichen Handlung, die Rituale in der Synagoge, das schweigsame Abendessen zwischen Mann und Frau. Ein raffiniertes Spiel mit den Bildern: So erscheint die Fiktion als Realität. Kein Wunder, dass Gitaïs Film von einigen jüdischen Zeitungen heftig kritisiert wurde. So farb- und freudlos gehe es nun freilich nicht zu in Mea Shearim.

Mag sein, dass "Kadosh" eine Zuspitzung ist, eine Provokation. Als der Film wenige Tage vor den israelischen Wahlen, im Mai 1999, auf dem Festival in Cannes erstmals aufgeführt wurde, erinnerte Gitaï an das Attentat auf Rabin und warnte vor dem zunehmenden Einfluss der Orthodoxen in der Politik. Israel, befürchtete er, befinde sich sonst direkt auf dem Weg in eine geschlossene, autokratische Gesellschaft. "Kadosh" ist vor allem ein politisches Lehrstück, eine klare Absage an religiösen Fundamentalismus und ein Plädoyer für Toleranz. Ein sehenswertes.
Nils Meyer

Feigen sollte David essen, immerzu Feigen, und Psalmen aufsagen, dann würde ihm die Lust auf Männer schon vergehen. Oder: Sich jedesmal auf die Zunge beißen, wenn es ihn trieb. Der junge Mark wurde von den Eltern nach Israel geschickt, als er ihnen seine Homosexualität offenbarte. Im Heiligen Land kann es ja keine Schwulen geben. Ein allzu frommer Wunsch und eine fatale Fehleinschätzung. Auch Feigen und Zungenbeißen haben nichts gefruchtet. David und Mark sind immer noch schwul - und zugleich orthodoxe Juden.

Homosexualität und orthodoxes Judentum, wie geht das zusammen? Wie alle monotheistischen Weltreligionen hat auch die jüdische mit der Homosexualität große Probleme. Die Bibel verdammt den Verkehr mit einem anderen Mann als mit dem Tod zu bestrafendes Gräuel. Aber es gibt sie doch, als einzelne sowieso, mittlerweile sogar in Gruppen: Orthodykes oder Gay and Lesbian Yeshiva heißen sie. Sogar offen schwule orthodoxe Rabbiner gibt es.

Vor Jahren schon begann der junge amerikanische Filmemacher Sandi Simcha DuBowski, sich mit dem Sujet zu beschäftigen. Erst nur aus Neugier. Doch dann wälzten die Erfahrungen auch sein Leben religiös um. Leicht ist das nicht nachvollziehen. Denn "Trembling before G-d" erzählt von zerrissenen Leben. Zwischen Glauben und Trieb, Eltern und Kindern, Träumen und Lebenswirklichkeit. Viele der Beteiligten wollten unerkannt bleiben. Das ist beklemmend - auch wenn DuBowski die idyllischen Szenen aus dem jüdischen Festtagsbüchlein mit einer Schattenspieltechnik vorführt.

Die Hauptfrage bleibt allerdings ungeklärt: Woher eigentlich rührt das Bedürfnis, sich ausgerechnet in einer Religion zu verorten, die nicht nur oberflächlich autoritär und patriarchal strukturiert ist? Einige Male wird sie im Film gestellt, beantwortet nie. Eine einzige unter den gezeigten Figuren geht einen anderen Weg: aus der Religion heraus. Er sehe einen logischen Widerspruch zwischen seinen Einstellungen und den Positionen der Bibel, sagt Steve. Aber wahrscheinlich denken religiöse Menschen einfach anders.
Silvia Hallensleben

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben