Kino : Früh übt sich

Retrospektive „Meschrabpom –  Die rote Traumfabrik“ und die Extra-Reihe zum 100. Geburtstag von Studio Babelsberg

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Am Beginn des vorigen Jahrhunderts entwickelten die Werktätigen ein heute mitunter eigentümlich anmutendes Bewusstsein: Uns gehört die Zukunft! Und gehört uns dann nicht auch die Zukunft der Kunst, also auch die des Kinos?

Diese Berlinale entdeckt eines der eigentümlichsten und bestvergessenen Kapitel der Filmgeschichte wieder: das deutsch-sowjetische Studio Meschrabpom. Die Filmhistoriker Alexander Schwarz und Günter Agde nennen es „die rote Traumfabrik“. Das ist insofern treffend, als hier die ästhetische Avantgarde träumte, mit weit geöffneten Augen und grundsätzlich vorwärts. Sie verfilmte den Aufbau des Sozialismus auf dem Mars, drehte Science-Fiction-Versuche und einen der ersten Roboterfilme.

Wer an Sergej Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ denkt, ahnt den Gestus, aber der Panzerkreuzer entstand nicht bei „Meschrabpom“. Von dort sind vor allem Wsedwolod Pudowkins „Konez Sankt-Peterburga“ („Das Ende Sankt Petersburgs“) oder „Potomok Tschingis-Chana“ („Sturm über Asien“) noch bekannt. Insofern ist diese Retrospektive eine, die überwiegend Neuland gewinnt.

Die Arbeiterklasse und der Fortschritt sind international. Also gründeten Willi Münzenberg, Deutschlands roter Medienmogul, und der russische Kinomann Moisej Alejnikow 1922 eine gemeinsame Aktiengesellschaft. Hier entstanden Dokumentar- und Animations- ebenso wie Revolutionsfilme. Stalins „Säuberungen“ aber machten auch vor „Meschrabpom“ nicht halt. 1936 war dieser Aufbruch in die Zukunft zu Ende. Kerstin Decker

Film braucht viel Licht. Deshalb ließ der Kameramann Guido Seeber, als er 1911 auf der Suche nach einem Ort für ein Filmstudio eine alte Fabrikhalle in Potsdam-Neubabelsberg fand, gleich daneben ein Glasatelier errichten. Im Frühjahr 1912 entstand dort als erste Produktion „Der Totentanz“ mit Stummfilmstar Asta Nielsen.

Das Glashaus ist verschwunden, aber Filme gedreht werden in Babelsberg noch immer. Unter dem Motto „Happy Birthday, Studio Babelsberg“ gratuliert die Berlinale zum 100. Geburtstag. Gezeigt werden zehn herausragende Filme. F. W. Murnaus Stummfilm „Der letzte Mann“ erzählt vom Abstieg eines Hotelportiers. „Der blaue Engel“ machte Marlene Dietrich berühmt, „Münchhausen“, einer der ersten deutschen Farbfilme, entstand als Ufa-Renommierprojekt im Auftrag von Goebbels. „Die Mörder sind unter uns“, „Das Kaninchen bin ich“, „Goya“ und „Das Haus am Fluss“ stehen für den Defa-Neubeginn. Nach dem Mauerfall machte Leander Haußmann mit „Sonnenallee“ aus Ostberliner Kiez-Vergangenheit eine Komödie. Und die Arthouse-Erfolge „Der Pianist“ von Roman Polanski und „Der Vorleser“ von Stephen Daldry, zwei sehr persönliche Filme über den Holocaust und moralische Verstrickungen, zeigen, dass die Zukunft von Babelsberg nur beides sein kann: deutsch und international. Christian Schröder

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