Kino-Glosse : Popcorn und Jackie

Popcorn-Esser nerven, vor allem, wenn man einen so ruhigen und subtilen Film wie Pablo Larraíns "Jackie" guckt. Rüdiger Schaper verliert im Kino den Appetit.

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Caspar Phillipson als John F. Kennedy und Natalie Portman als Jackie Kennedy in "Jackie".
Caspar Phillipson als John F. Kennedy und Natalie Portman als Jackie Kennedy in "Jackie".Foto: graypictures/Tobis/dpa

Es ist nicht erwiesen, ob das Popcorn ursprünglich vom mexikanischen Vulkan Popocatépetl stammt. Immerhin wurden bei Ausgrabungen Körner gefunden, deren Beschaffenheit auf eine bald viertausendjährige Tradition des Mais-Erhitzens und -Poppens hinweist. Popcorn ist also deutlich älter als das Kino. In den 1930er Jahren soll es in US-Kinos als Billigsnack seinen knirschenden Siegeszug um die Welt begonnen haben. Wie lässt sich das Geräusch beschreiben? Kreks, kraks, raschel, trockenes Schmatzen, mahlende Kiefer, raschelnder Griff in die Tüte ...

Im Berliner Sony-Center wird Popcorn in Eimern verkauft, dazu macht sich ein lauthals geschlürfter Softdrink aus einem Riesenbecher mit Strohhalm klanglich sehr gut. Vor allem, wenn der Film (in der Originalfassung) über weite Strecken im Flüsterton gehalten ist wie „Jackie“ mit Natalie Portman. Die Tage und Nächte nach der Ermordung Präsident Kennedys. Die JFK-Tragödie. Das Weiße Haus als Trauerhaus, in dem die Regierungsgeschäfte doch weitergehen müssen. Die Kinder. Die wunderschöne, elegante, selbstbewusste Witwe. Man muss hören, wie sie den Rauch einer Zigarette ausstößt. Wie sie einen Berater zurechtweist.

Knacks, schaufel, mampf

Pablo Larraíns Staatskammerspiel ist für drei Oscars nominiert. Der Film bezieht seine Kraft aus einer gewissen Unruhe und Zittrigkeit der Bilder – und Natalie Portmans stummen Schreien. Anderthalb Stunden schaut man in dieses Gesicht, und wenn es zu Ende ist, schmerzt der Abschied von diesen Augen, diesem Mund, diesen Sprachmelodien.

Doch die fleißigen Popcorn-Esser übertönen den JFK-Albtraum, in dem der Traum von einem jungen, freien, stilvollen Amerika steckt, jetzt erst recht. Ein Pärchen scheint nur in „Jackie“ gegangen zu sein, um geplatzte Maiskörner zu verschlingen. Knacks, schaufel, mampf, der Film wird perforiert, seine dichte, drängende Atmosphäre geradezu zerbissen, mal lustvoll, mal verschämt, das quälende Geräusch von zerkautem Styropor. Wie wär’s mit einer Portion Nacho-Chips mit heißer Käsesauce für die letzten dreißig Minuten des Films, da der Popcorn-Eimer langsam, aber sicher zur Neige geht?

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