Kultur : Kino in Berlin: Sehnsuchtsklänge

Daniela Sannwald

Wenn der alte Bahnwärter nachts seine Laterne schwenkt, ignoriert er einfach, dass zwischen den Bahnschienen an der kleinen Station längst - unter seiner Anleitung - ein Gemüsegarten entstanden ist. Er gibt das Lichtsignal, wie er es immer getan hat; und dabei blickt er mit zusammengekniffenen Augen in die Ferne, für alle Fälle vorbereitet.

Metaphern der Verlorenheit kommen immer wieder vor in diesem Film, der als Road Movie beginnt und in Los Angeles endet. Nicht in der nordamerikanischen Metropole allerdings, sondern in einem Traumdorf im Landesinnern. Dorthin zieht es den Schlagzeuger Carlos, nachdem sein Adoptivvater Genaro gestorben ist und ihm sein Akkordeon vermacht hat. Carlos soll dort geboren sein; und jetzt will er herausbekommen, wer seine leiblichen Eltern waren. Auf der Reise lernt er die Prostituierte Fabiana kennen. Fabiana nimmt ihn mit nach Los Angeles und bietet ihm an, bei ihr zu wohnen. Die beiden anderen Männer im Haushalt, der Automechaniker Dalmiro und der alte Bahnwärter, sind nicht begeistert. Dennoch bleibt Carlos, stellt fest, dass er Akkordeon spielen kann und gewinnt Fabianas Herz. Auch seinen Eltern kommt er näher.

"Tocá para í¤" ist, wie viele lateinamerikanische Filme, voller religiöser Anspielungen auf die Heilige Familie, den katholischen Marienkult und den Leidensweg Jesu. Und er schlägt Kapital aus der absurden Szenerie des Dorfes und den merkwürdigen Gepflogenheiten seiner Bewohner. Traumsequenzen vor tiefschwarzem Hintergrund und apokalyptische Visionen setzen zusätzliche Akzente in dem bildgewaltigen Werk. Nicht zuletzt ist "Tocá para mí" ein schöner Musikfilm, der mit Punkrock à la Buenos Aires beginnt. Der muss jedoch schon bald den melancholischen Rhythmen und sehnsüchtig ziehenden Akkordeonklängen argentinischer Folklore weichen, je näher Carlos auch seinen musikalischen Wurzeln kommt.

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