Kino : Liebe statt Hiebe

Auf dem Filmfestival in Hongkong zeigt sich: Den typischen Hongkong-Film gibt es nicht mehr. Man orientiert sich am chinesischen Festland – und verliert seine Identität.

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Uraltes China. „Detective Dee“ (Andy Lau) setzt auf Pomp und Fantasy.
Uraltes China. „Detective Dee“ (Andy Lau) setzt auf Pomp und Fantasy.Foto: HF-Festival

Von Europa aus gesehen, mag die chinesische Großstadt am Pazifik ziemlich dicht an der derzeitigen japanischen Gefahrenzone liegen. Dabei ist Hongkong von Fukushima mit rund 3000 Kilometern mehr als doppelt so weit entfernt wie Berlin von Tschernobyl. Dennoch: Die Ereignisse von Japan trüben das jüngste Filmfestival von Hongkong spürbar ein, vor allem die Absagen von Filmemachern aus dem derzeit so sehr von Katastrophen geschlagenen Land. So blieb der prominente Regisseur Takashi Miike („13 Assassins“) den Asian Film Awards fern. Und sein Kollege Shunji Iwai, dessen brillante Genre-Variation „Vampire“ gezeigt wurde, reiste gar nicht erst an: Er stammt aus Sendai, einem der stärksten vom Erdbeben betroffenen Gebiete.

Doch Hongkong hat auch reichlich eigene Probleme. Von der Finanzkrise besonders betroffen, zudem von Schanghai in seinem Status bedroht, sucht die Sonderverwaltungszone nach Mitteln, sich vom Einfluss Festlandchinas abzusetzen. „Ein Land – zwei Systeme“, das will man nicht mehr nur politisch verstanden wissen. Also besinnt man sich auf die Leuchttürme der eigenen Kultur.

Film zum Beispiel. War da nicht mal was? Einst war das Hongkong-Kino weltweit erfolgreich, mit Kung-Fu-Filmen und finsteren Noir-Thrillern, mit Bruce Lee und später mit Jackie Chan. Bis zu 300 Filme wurden in den goldenen Zeiten jährlich gedreht, 2007 waren es gerade noch 51. Das soll wieder besser werden, hofft Roger Garcia, neuer Leiter des Hongkong Filmfestivals. Garcia will das Ereignis zum Angelpunkt des asiatischen Films machen – und zum Schaufenster für Hongkongs Filmindustrie.

Wenn man dem Programm allerdings trauen darf, sind Noir-Thriller wie „Infernal Affairs“, dessen amerikanisches Remake „The Departed“ Martin Scorsese etliche Oscars einbrachte, nicht mehr in Mode. Ebenso wenig jene „Kick Flix“, bei denen Quentin Tarantino sich für „Kill Bill“ bediente. Gefragt sind romantische Komödien. Sogar Johnny To, der Altmeister des HongKong-Thrillers, stellte mit „Don’t Go Breaking My Heart“ zur Eröffnung des Fests eine solche Komödie vor. Der Film über eine Frau zwischen zwei Männern spielt geschickt mit den örtlichen Gegebenheiten: Romanze und Komik entwickeln sich zwischen gegenüberliegenden Wolkenkratzern, von Fenster zu Fenster, in immer neuen Variationen, bis zum haarsträubenden Finale – das allerdings in Schanghai stattfindet.

Tos Film ist auch Ausdruck einer Entwicklung, die etlichen Regisseuren in Hongkong Sorgen bereitet: Immer mehr Studios vom chinesischen Festland kooperieren mit Hongkong, seit das CEPAAbkommen 2004 die Zugangsbeschränkungen für Firmen aus Hongkong am chinesischen Markt aufhob. In China erblüht die Filmindustrie ebenso wie eine neue Mittelklasse – geschätzte 200 Millionen potentieller Kinobesucher sorgten dafür, dass der Markt allein 2010 um 13 Prozent wuchs. Für Hongkongs Produzenten, die immer schon auf den Export angewiesen waren, ist ein solcher Markt ziemlich attraktiv.

China seinerseits profitiert von Hongkongs Erfahrung: Kommerzielle Unterhaltungsfilme schüttelt man in der Sonderverwaltungszone aus dem Ärmel. Acht von zehn der erfolgreichsten chinesischsprachigen Filme des letzten Jahres sind Koproduktionen von China und Hongkong. Etwa Tsui Harks „Detective Dee and the Mystery of the Phantom Flame“ mit Superstar Andy Lau, ein Märchenspektakel, das Martial-Arts-Elemente im hochgeschwinden Hongkong-Stil aufbereitet.

Doch auf dem Festland herrscht Zensur. Geister und Korruption sind als Themen tabu, Religion eher unwillkommen, Liebesbeziehungen zwischen Asiaten und Westlern dürfen nicht glücklich enden. Eine Klassifizierung in Altersstufen gibt es nicht, daher müssen Filme, die in China reüssieren wollen, „good for the family“ sein. Da droht bei immer engerer Verzahnung mit Chinas Unterhaltungsindustrie für Hongkong nichts Geringeres als der Verlust der kulturellen Identität.

Um das zu verhindern, wurde 2007 ein Fonds eingerichtet. Mit einem Grundstock von 300 Millionen HK-Dollar (etwa 27 Millionen Euro), fördert der Staat Produktionen mit kleinem Budget. Einer der bislang subventionierten 16 Filme, „Echoes of the Rainbow“, gewann 2010 den Gläsernen Bären der Berlinale. Ein eklatanter Systemwechsel: Jahrzehntelang hatte die Filmproduktion sich selbst getragen, Hongkong exportierte seine Filme nach ganz Asien. Der Erfolg zog branchenfremde Investoren an, es entstanden viele, zu viele Filme, und alles, was noch zählte, war ein Star in der Hauptrolle.

„Zu der Zeit war ich selbst Produzent“, sagt Wellington Fung Wing, Generalsekretär des Development Council. „Es war ganz normal, drei Filme gleichzeitig zu betreuen. Kein Wunder, dass die Qualität litt.“ Gleichzeitig wurden die Stars teuerer, weil die Nachfrage stieg. „Die Geschichten begann sich zu wiederholen. Als der Erfolg nachließ, zogen die Investoren weiter. Jetzt wollen wir die Dinge wieder in eine gesündere Richtung lenken. Südkorea macht gerade dasselbe durch, und ich fürchte, dass dem Festland bald Ähnliches bevorsteht.“ Selbst wenn es wieder aufwärts gehen sollte, die Förderung wird wohl notwendig bleiben: Hongkong ist zu teuer geworden.

Kleine Produktionen, das sind hier meist kostspielige Freizeitprojekte für winzige Filmteams. Das Festival zeigt leider nur wenige dieser Filme. „The Drunkard“ zum Beispiel, ein melancholischer Film über einen alternden Dichter im geldgeilen Hongkong der frühen Sechziger, dem nicht mal das Aufgeben seiner Ideale aus der Lebenskrise hilft – ein leuchtendes Beispiel dafür, wie viel Atmosphäre und Ausstattung selbst mit allerkleinstem Budget möglich sind. Regisseur Freddie Wong hatte sich das Geld dafür von ehemaligen Schulkameraden geliehen.

Die großen Studios allerdings müssen sich selbst helfen. Die legendären Shaw Studios sind, aus cineastischer Sicht, zwar in einem traurigen Zustand. Doch zu jener Zeit, als der Hongkong-Film schwächelte, entschloss man sich, ein neues Areal für die Filmproduktion zu erschließen. Es sind schöne, schlichte, abgedunkelte Innenräume, abgeschirmt gegen die Außenwelt, technisch ausgestattet wie nur wenige Studios auf der Welt. Doch derzeit fungieren sie vornehmlich als mietbare Dienstleistung für chinesische Produktionen. Und die wenigen eigenen Filme sind eher simpel gestrickt, nicht für Hongkong gedacht, sondern für Südchina.

Melancholie also regiert. Und auch der jüngst fertiggestellte Film, für den der Japaner Akio Kondo am Rande des Festivals einen chinesischen Verleih sucht, passt ins Bild. Gedreht hat er ihn in Miyagi, jener Präfektur im Osten Japans, die vom Tsunami weitgehend verwüstet wurde. Der Film zeigt eine Gegend, die für immer verschwunden ist.

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