Kino : Mit den Clowns kamen die Hyänen

„Mad Circus“: Alex de Iglesias’ grandioser, alle Konventionen sprengender Höllenritt durch die spanische Geschichte.

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Feurig. Carlos Areces als gar nicht lustiger Clown Javier. Foto: CineGlobal
Feurig. Carlos Areces als gar nicht lustiger Clown Javier. Foto: CineGlobal

1937, während des spanischen Bürgerkriegs. Ein Clown wird zwangsrekrutiert und bajonettiert im Alleingang fast ein ganzes Bataillon. Er gerät in Gefangenschaft und stirbt grausam vor den Augen seines Sohnes. „Du hast so viel gelitten“, sagt er vorher noch zu diesem. „Du wirst nie lustig sein. Du kannst nur ein trauriger Clown werden.“

1973, in der Endzeit des Franco-Regimes, tritt Javier (Carlos Areces) einem Zirkus bei. Er verliebt sich in die Akrobatin Natalia (Carolina Bang), sie aber gehört zu Sergio, dem lustigen Clown und trunksüchtigen Sadisten (Antonio de la Torre). Javier will Natalia befreien. Sie ist hin- und hergerissen.

Eine klassische Dreieckskonstellation, eigentlich. Doch bei Álex de la Iglesia ist dies nur der Beginn einer grotesken Spirale des Wahns: In „Mad Circus“ wühlt sich der spanische Regisseur mit den Mitteln des Exploitation-Kinos tief in die historischen Wunden Spaniens hinein – und schreckt vor schwerer Symbolik, greller Übertreibung, sorglosem Ideenklau und nachtschwarzem Humor nicht zurück.

Der lustige Clown – herrschsüchtig, animalisch, faszinierend. Der traurige Clown – vaterlos, nobel, aber mit geerbtem Hass. Dazwischen steht die schöne Akrobatin (will meinen: Spanien) und befeuert den Wettbewerb in der Terror-Manege. Ein nicht gerade subtiles, aber fruchtbares Bild für den Bürgerkrieg. Unversöhnlich standen Republikaner, Kommunisten und Anarchisten den Faschisten gegenüber; wer auch immer irgendwo das Sagen hatte, brachte Leid und Tod unter die anderen. Nach dem Sieg Francos terrorisierte sein Regime die Spanier bis in die siebziger Jahre hinein – und bis heute spaltet der Blick zurück die Spanier: in Rechte, die vergessen wollen; und Linke, die Gräber öffnen und erinnern möchten.

„Balada triste de Trompeta“ heißt dieser Film deshalb im Original, angelehnt an jenes unvergessliche Verzweiflungslied, das der berühmte spanische Sänger Raphael in den Siebzigern im Clownskostüm vortrug („Balada de la Trompeta“). Und er ist gespickt mit Referenzen an die Zeitgeschichte. Beim Attentat auf den faschistischen Regierungschef Luis Carrero Blanco im Dezember 1973 ist Javier zufällig zugegen und trifft auf die Bombenleger. „Und?“, fragt er, „Von welchem Zirkus seid ihr?“. „Mad Circus“ ist kein Psycho-Horror, sondern allegorische Raserei. Und Iglesias hat einige Ideen, was man mit der Fratze des Clowns so alles anstellen kann.

Der durchaus berüchtigte Filmemacher („El día de la bestia“, 1995) wirft aus Arthouse- und Gebrauchskino alles zusammen, was ihm passend erscheint für seinen Höllenritt. Ohne Rücksicht auf Geschmack sprengt er jedes Maß; die Handlung, einmal aufgesetzt, reißt sich fort, atemberaubend und unvorhersehbar – bis zum Finale im Tal der Gefallenen, an jenem monumentalen Kreuz, unter dem Franco bis heute begraben liegt und bei dessen Errichtung Javiers Vater einst hatte zwangsarbeiten müssen. Es wurde nach dem Bürgerkrieg auf frischen Massengräbern errichtet.

Spätestens jetzt ist es, als würden die Figuren sich freimachen von den Analogien. Und Iglesias, der für diesen Film 2010 den Regiepreis in Venedig erhielt, lässt den Fliehkräften ihren Lauf. Leider entgleitet ihm das finstere Theater dabei vollends. Was bislang so geschickt in der Schwebe blieb zwischen Kunst und Kopie, Genie und Trash, geht jetzt aus dem Leim. Es werden einfach ein, zwei Pirouetten zu viel gedreht, das schadet dem Film. Und dennoch: So viel Wucht und Leidenschaft, so viel Lust am Wahn, so viel Mut zur grellen Schönheit dick aufgetragener Pinselstriche, das hat man lange nicht gesehen. Kein Film, den man schnell vergisst. Sebastian Handke

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