Kino : Narben der Kindheit

Beim 29. Filmfestival in Saarbrücken präsentiert sich das junge deutsche Kino politisch - und streng individuell.

Martin Schwickert

Nur mit Shorts und Sandalen bekleidet stehen die Jungen nach dem Frühsport zum Morgenappell im Hof. Blass. Mager. Schlotternd. Trotzdem ist das Gefängnis im Ural für die minderjährigen Straftäter vielleicht der wärmste und sicherste Ort ihres Lebens. Sie haben geraubt und gemordet und sind oft keine vierzehn Jahre alt. Geregelter Tagesablauf, Schule, Essen – das ist mehr als sie je gehabt haben auf der Straße oder bei ihren Eltern.

Eindringlich und mit höchster Sensibilität beschreibt die in Deutschland lebende russische Filmemacherin Alexandra Westmeier in ihrer Dokumentation "Allein in vier Wänden", der beim Filmfestival "Max Ophüls Preis" in Saarbrücken mit dem Preis des saarländischen Ministerpräsidenten und als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde, die soziale Verwahrlosung in ihrem Heimatland aus der Perspektive der allein gelassenen Kinder. Auch wenn die Verhältnisse nicht vergleichbar sind: Die verletzbaren und verschlossenen Kindergesichter, die Westmeier im Ural vor die Kamera bringt, man findet sie auch hier.

Der 12-jährige Tom etwa in Sylke Enders Spielfilm "Mondkalb" versteckt seine Augen hinter einer Langhaarfrisur und bringt nach dem Verlust seiner Mutter kaum noch ein Wort heraus. Er schleicht herum um Alex (Juliane Köhler), die gerade aus dem Gefängnis entlassen in der ostdeutschen Provinz ein neues, zurückgezogenes Leben anfangen will. Tom sieht in der abweisenden Frau eine neue Mutter und eine neue Partnerin für seinen Vater (Axel Prahl), der als Fahrlehrer mehr schlecht als recht durch sein alleinerziehendes Leben steuert. Ohne Schuldzuweisungen zeigt Enders die traumatisierenden Auswirkungen von Verlust und familiärer Gewalt auf.

Ein Großteil der Filme beim Festival in Saarbrücken, das seit 29 Jahren ein festes Forum für das junge deutschsprachige Kino bietet, setzte sich mit den Narben der Kindheit und dem Versagen der Eltern auseinander. Das reichte von der erschütternden Dokumentation "Zuletzt befreit mich doch der Tod" von Beate Middeke, die vom Leben und dem Selbstmord eines schwer missbrauchten Mädchens berichtet, über Christian Schwuchows "Novemberkind" (Publikumspreis), in dem sich Anna Maria Mühe auf die Suche nach ihren aus der DDR geflüchteten Eltern macht, bis hin zu Hardi Sturms "Up up to the Sky", wo ein verträumter junger Mann (Max Riemelt) glaubt, ein Außerirdischer zu sein und seinem verlorenen Vater mit einem selbst gebauten Fluggerät ins Weltall folgen will.

Wohlfühlfilme wie diese warmfarbige, märchenhafte Komödie waren in Saarbrücken jedoch eher Mangelware. Das junge Kino aus Deutschland, Österreich und der Schweiz scheint Ernst machen zu wollen. In tiefste Tristesse taucht Athanasios Karanikolas "Elli Makra – 42277 Wuppertal" seine Studie über die Entwurzelung einer griechischen Einwanderin. Mit fast schon zynischer Unnachgiebigkeit analysiert Lars Henning Jungs "Höhere Gewalt" (Preis für beste Darstellerin: Alice Dwyer) die gewalttätige Psychostruktur einer Jugendclique.

Selbst genuin komödiantische Stoffe werden wie in André Erkaus "Selbstgespräche" mit einer kräftigen Portion Melancholie und ausgedehnten Lebenskrisenbeschreibungen abgedunkelt. Dass ausgerechnet dieses eher flach atmende Ensemblestück, das in einem Callcenter über Sein und Schein des gesprochenen Wortes und der eigenen Existenz sinniert, mit dem Hauptpreis von immerhin 18 000 Euro (plus 18 000 Euro Verleihförderung) ausgezeichnet wurde, kann eigentlich nur auf Konsensfindungsstörungen innerhalb der Jury zurückzuführen sein. Verdientermaßen mit dem Drehbuchpreis von 13 000 Euro wurde hingegen Nana Neuls "Mein Freund aus Faro" prämiert, der von der burschikosen Mel (Anjorka Strechel) erzählt, die sich, als sie sich in ein Mädchen verliebt, eine männliche Zweitidentität aufbaut.

Während sich in so manchem Wettbewerbsbeitrag der schmucklose Video-Doku-Stil nur als schlechte Tarnung für die ästhetische Ambitionslosigkeit der jungen Filmemacher diente, überzeugte Stefan Jägers "Hello Goodbye" als brillant ins Bild gesetztes Kammerspiel. Der Schweizer Filmemacher erzählt von einer jungen lebenslustigen Frau, die ihrem krebskranken Vater beim Freitod helfen soll. Ebenfalls aus der Schweiz kam der einzige explizit politische Wettbewerbsbeitrag. In seiner Dokumentation "Der Pfad des Kriegers" zeichnet Andreas Pichler den Lebensweg eines angehenden katholischen Priesters nach, der sich Anfang der Achtziger militanten Befreiungsbewegungen in Lateinamerika anschließt und 1990 bei der Entführung eines bolivianischen Industriellen im Kugelhagel der Polizei stirbt. Pichler zieht direkte Parallelen zwischen dem katholisch-marxistischen Märtyrer und den muslimischen Glaubenskriegern, die heute in New York, Madrid und London ihren ebenfalls religiös motivierten Kampf gegen den Westen führen. So manches Zitat von Che Guevara ließe sich fast bruchlos in eine Kommandoerklärung von Al Qaida übernehmen. Leider geht Pichlers interessanter Vergleich zu wenig in die Tiefe, weil ihm letztendlich die persönliche Biografie wichtiger ist als die politische Analyse.

Und das ist vielleicht typisch für das junge deutschsprachige Kino, wie es sich in Saarbrücken präsentiert hat. Sehr wohl setzen sich die jungen Filmemacher kritisch mit der Gesellschaft auseinander. Aber ihr Blick bleibt streng dem Individuellen verbunden und hütet sich vor politischen Verallgemeinerungen.

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