Kino : Obdachlos

Gewalt in der Familie:  das Drama „Festung“.

Michaela Grimm
Foto: farbfilm
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Wenn Johannas kleine Schwester Moni ihre Ärmchen um die Hüfte der Großen legt, ihr Sommersprossengesicht an Johannas Jeansjacke schmiegt und hinten, auf dem Fahrradträger, fast verschwindet, während die zwei auf einem gelben Rad durch die Weinberge sausen, dann könnte das auch großen Spaß machen. Wenn Johanna zum ersten Date mit einem Jungen radelt, dann müsste sie ihre Jugend eigentlich genießen. Rausgehen, wegfahren, frei sein. Doch Moni muss überall mit hin, auch wenn die beiden gar nicht wollen. Zu Hause haut etwas ganz gewaltig nicht hin.

Zu Hause ist es diffus und dunkel, da kauern die Mädchen ängstlich umschlungen auf einem der Kinderbetten, Johanna hält Moni fest und ihr die Ohren zu, während dumpfe Schläge durch die Wand poltern und üble Schimpfworte bis ins Mädchenzimmer hallen. Es ist dieselbe Sprache, in der Moni und Johanna schreiend streiten. „Festung“ ist das Leinwanddebüt der Finnin Kirsi Marie Liimatainen, die in Potsdam-Babelsberg Regie studierte. Sie zeigt, wie die Gewalt eines Mannes in jeder Fuge seiner Familie so tief nistet wie beißender Geruch. Heimliche Gewalt, über die niemand richtig sprechen kann. Die Angst macht, schwach und wütend. Und einsam.

Der Brutalität in „Festung“ entspricht die hämmernde Metalmusik aus Johannas Stereoanlage, katastrophisch kreischende Filmmusik übermalt fast die bedrückendsten Bilder des Films. Wenn Ursina Lardi als misshandelte Mutter auf dem Küchenboden zitternd ihr Hörgerät wieder einsetzt. Wenn Elisa Essig als Johanna die blutigen Hände der Mutter verbindet. Wenn Antonia Pankow als Moni grimmig starrt und sich die Lippen verbeißt wie ihre älteste Schwester Claudia, souverän gespielt von Karoline Herfurth.

„Festung“ ist stark besetzt, aber lässt in den 87 Filmminuten der Figurenentfaltung so wenig Raum wie dem Zuschauer. Da ist das Drama schonungslos – neben der Regie sind auch Drehbuch, Kamera und Schnitt in Frauenhand. Sie bearbeiten häusliche Gewalt, die sich weit über Familienmauern hinweg ausbreitet, Kinderleben einkesselt und Härte hinterlässt – sogar in der ältesten Tochter, die es da rausgeschafft hat. Nur sie klagt die väterlichen Gräuel resolut an, während Moni sich tot stellt, damit alles gut wird. Und Johanna vertuscht und verschweigt.

Schade, dass der Film das herzzerreißende Gefühlsdurcheinander der vernachlässigten Kinder dann doch etwas schematisch auf der großen Leinwand durchdekliniert. Dafür hätte die kleine auch gereicht.

Acud und Sputnik Südstern

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