Kino : Parolen, Steine, schwarze Panther

Die Revolution läuft nicht im Fernsehen: Zwei Berliner Filmreihen beleuchten den Mai 68.

Silvia Hallensleben

An Projektionen herrscht derzeit kein Mangel, wenn es um die Jahre 1967/68 geht. Zeitzeugen sind davon nicht ausgenommen, im Gegenteil: das Engagement in den damaligen Auseinandersetzungen scheint die Projektionsmaschine erst richtig zu befeuern. Allerdings wissen wir spätestens seit Guido Knopp auch, dass die menschliche Zeitzeugenschaft der historischen Wahrheitsfindung wenig dient. Anders sieht es hingegen mit den Künstlern aus, die ihr Gegenwartsempfinden auf Vinyl oder Zelluloid verewigt haben. Am gegenwärtigsten und eindringlichsten ist vielleicht die Musik, von Jimi Hendrix und den Rolling Stones. Beredter aber sind die Kinobilder. Im Unterschied zu unserer Erinnerung bieten Filme ein unverzerrtes Situationsbild. Vieles erscheint in ihnen heute sogar schärfer als damals.

Vom Kino als Seh-Hilfe sprach auch Klaus Theweleit 1995 anlässlich der Verleihung des Adornopreises an Jean-Luc Godard. Es gebe nichts, keine persönliche Erinnerung, kein Flugblatt, kein Buch, das einem den Grad der eigenen Verkennung der Dinge so genau vorführe wie Godards „One plus One“ von 1968. Der Film ist eine bunte Collage, in der sich die Welt der Popmusik mit dadaistischen Graffiti kreuzt, Minriöcke mit kruder Sex-Kolportage und militanter schwarzer Politik kollidieren. Da sind die Rolling Stones im Studio beim Verfertigen von „Sympathy for the Devil“, einem Dokument kollektiven Arbeitens. Die Parolen der Black Panther, die auf einem Schrottplatz Gewehre verteilen, werden von Lesungen aus Hitlers „Mein Kampf“ konterkariert. Und dazwischen läuft Godards Freundin Anne Wiazemsky durchs Gras, von Reportern verfolgt. Damals mochte den Film eigentlich niemand. Heute wirkt er faszinierend offen und hellsichtig in der Freiheit, die er beim Anschauen gibt.

Doch welche Filme können für die Zeit sprechen? Und: Was wollen wir überhaupt von ihnen wissen? Dass der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit am 1. Mai mit einem Vortrag zu „One plus One“ die große Mai 68-Filmreihe im Arsenal eröffnet, darf programmatisch verstanden werden und setzt die Veranstaltung deutlich von ähnlichen in ihrem Umfeld ab. Der Titel, „1968//2008“, ist Programm. Nicht nostalgische Rückschau soll betrieben werden, sondern reflexive Auseinandersetzung mit Zeit-Zeugnissen.

98 Filme stehen in den Monaten Mai bis Juli im Arsenal auf dem Programm, darunter spektakuläre Ausgrabungen wie Marc’Os komödiantisch-satirisches Medienmusical „Les Idoles“ oder Haskell Wexlers Film „Medium Cool“, der die Straßenkämpfe rund um den demokratischen Parteikonvent in Chicago gewagt mit narrativen Elementen mischt. Vier Themenblöcke, Schneisen, wie Kuratorin Birgit Kohler sagt, führen von Frankreich über den Senegal nach Kuba, vom Agitprop zur Komödie, von Meisterwerken zu Dokumenten politischer Verwirrung, vom Mittendrin zum rückblickenden Nachdenken wie in Philippe Garrels „Les Amants Réguliers“ von 2005.

Besonderes Gewicht liegt auf Filmen aus Deutschland und Frankreich, wo ausgerechnet eine filmpolitische Auseinandersetzung die Maiereignisse antizipierte. Tausende gingen im Februar 1968 auf die Straße, um gegen die Absetzung von Henri Langlois als Leiter der Cinémathèque Française zu protestieren. Nachdem die französische Regierung im April Langlois wieder eingesetzt hatte, provozierten Filmschaffende um Godard und Truffaut einen Monat später den Abbruch der Filmfestivals in Cannes.

Politisierung durch Kulturpolitik: Umgekehrt veränderten sich in der Dynamik des Aufbegehrens auch die Produktionsweisen der Filmschaffenden. Das deutlichste Beispiel ist erneut Jean-Luc Godard, der nach dem Mai 68 als Regisseur ganz in das Kollektiv der Groupe Dziga Vertov zurücktrat und das Filmemachen in den Dienst der Politik und radikaler Bilderkritik stellte. Dass alle Filme der Groupe Dziga Vertov aus den Jahren 1967 bis 74 hier erstmals einem größeren Publikum zugänglich sind, ist auch der Unterstützung durch den Hauptstadtkulturfonds zu verdanken, der ihre Untertitelung ermöglichte.

Die Aufmerksamkeit für solch scheinbar formale Details unterstreicht die inhaltliche Ernsthaftigkeit dieser Schau, die sich – ganz im Sinne von 68 – um die Transparenz von Konzept und Programmentscheidungen bemühte. Dazu gehört neben kommentierenden Vorträgen und Debatten auch eine im Stil der Zeit gehaltene wunderschön bunte Broschüre, die die Filme und den konzeptionellen Hintergrund erläutert.

Eine von 9. bis 16. Mai dauernde Mai-68-Reihe im Kino Babylon Mitte kommt dagegen kommentarlos daher: Auf der Webseite der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützten Veranstaltung wird neben dem Terminkalender nur eine Chronologie der Pariser Ereignisse präsentiert (die ausgerechnet die unrühmliche Rolle der KPF unerwähnt lässt). Unter dem Titel „Paris - Mai '68“ scheinen die fünfzehn Filme eher illustratives Beiwerk für eine parallel laufende Reihe politisch-historischer Erinnerungsveranstaltungen. Von Godards Diktum, statt politischer Filme, das Filmen politisch zu machen, ist das Welten entfernt.

Programme unter: www.fdk-berlin.de und www.babylonberlin.de

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