Kino : Reden ist Leben

Ein Dampfplauderer bei der Arbeit. „Talk to me“ porträtiert den legendären Radio-DJ Petey Greene.

Kai Müller

Platten auflegen ist einfach. Jeder kann die schwarze Vinylscheibe aus der Hülle ziehen, auf den Plattenteller legen und die Nadel in die Rille setzen – und die CD hat selbst das überflüssig gemacht. Es muss also einen anderen Grund geben, warum der DJ kultisch verehrt wird. Einer der Gründe ist wohl Petey Greene, ein schwarzer Ex-Häftling mit Afrofrisur. Als Martin Luther King am 4. April 1968 in Memphis erschossen wird und die Todesmeldung in Washington DC zu schweren Unruhen führt, ist es Petey Greene, der die Wut, das Entsetzen der Bevölkerung als Radio-DJ in Worte fasst und gegen den brandschatzenden Mob anredet. „Ich gebe niemandem die Schuld“, sagt er, „wie könnte ich das, als jemand, der selbst eingesessen hat?“ Es ist eine medienhistorische Sternstunde, in der ein einzelner Mann mit einem „Doktortitel in Armut“, wie er sagt, Geschichte schreibt. Oder zumindest eine ihrer Fußnoten.

Am Ende dieser Geschichte haben wir es mit Dampfplauderern wie Günther Jauch und Marcel Reif zu tun, die stundenlang ein umgefallenes Tor kommentieren. Nicht zu wissen, was man sagen soll, es einfach zu tun, ist eine schwierige Kunst. Es wirft Moderatoren auf sich selbst zurück. Petey Greenes Reserven waren unerschöpflich. Sätze, Wörter, Unflätiges und Sentimentales sprudelten nur so aus ihm heraus. In ihm fand Amerika den ersten Stand-up-Comedian, den ersten Rapper und farbigen Talkmaster, der sogar eine eigene Fernsehshow bekam.

Nun hat sich Hollywood Greene vorgenommen. „Talk To Me“ ist ein bewegendes Porträt, vor allem dank Hauptdarsteller Don Cheadle. Schwarze Schauspieler, selbst gut beschäftigte wie er („Hotel Ruanda“, „L. A. Crash“) bekommen selten Gelegenheit, schwarze Leitfiguren darzustellen. Oft wachsen sie dann über sich hinaus, wie Denzel Washington in „Malcolm X“, Jamie Foxx als Ray Charles, ganz zu schweigen von Will Smith als Muhammad Ali. Und man begreift, wie oft sie sonst bloß Sprücheklopfer darstellen, die sich selbst nicht ernst nehmen.

Ganz anders „Talk To Me“, obwohl es auch ums Reden geht. Tief taucht Kasi Lemmons Film ins Zeitkolorit der sechziger Jahre, ohne zu sehr aufs Blaxploitation-Kino und seine Ghettostigmatisierung zu schielen. Die Musik von Terence Blanchard verknüpft Songs, die den Stolz der schwarzen Mittelschicht versprühen. Der allerdings ruft bei einem wie Greene nur ein verschlagenes Lächeln hervor. Don Cheadle spielt ihn als dünnhäutigen, naiven Wüstling, dessen große Klappe in entscheidenden Momenten versagt.

Greenes Förderer wird der Radiomanager Dewey Hughes (Chiwetel Ejifor), der Greene zum Star aufbauen will. Doch das Projekt scheitert an Greenes notorischer Unzuverlässigkeit. Aus den beiden gegensätzlichen Typen bezieht der Film seine Spannung: Während Hughes in Greene den Volkshelden sieht und seine Karriere unermüdlich vorantreibt, sträubt sich dieser gegen Ruhm und Verantwortung – er will ja nur DJ sein. Im Kern geht es um die Frage, welcher Erfolg mehr zählt: der des gewieften Geschäftsmannes, der die Sprache der Weißen spricht? Oder der des Sonderlings, der es zu nichts bringt? Am Ende kommen 10 000 Menschen zu Greenes Beerdigung.

Ab heute in den Kinos UCI Kinowelt Colosseum, UCI Kinowelt Friedrichshain, OmU im Moviemento

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben