Kino : Repressive Toleranz

Frank Noack erkundet die Lust und Not der Provokateure im Regiefach:

Frank Noack

Wenn ein Filmemacher sein Land allein repräsentiert, ist das ebenso schmeichelhaft wie belastend. Der unlängst verstorbene Michelangelo Antonioni hatte Fellini, Visconti, Pasolini und Bertolucci neben sich, aber wen hatte Ingmar Bergman? Kein einziger Nachwuchsregisseur brachte es zu seinem Format. Folglich war er für jüngere Kollegen Vorbild und Feindbild zugleich; ein Übervater, den es zu überwinden galt.

Der 1930 geborene Bo Widerberg griff in seinem Buch „Visionen i Svensk film“ (1962) offen die schwedische Filmindustrie, die Monopolstellung Bergmans und dessen fehlendes soziales Engagement an. Gleichzeitig brachte er mit seinem eigenen Film Das Rabenviertel (Sonnabend im Arsenal) politische Themen ins Kino. Angesichts eines Streiks 1936 wird der Versuch eines jungen Mannes geschildert, seine Armut zu überwinden und eine Existenz als Schriftsteller aufzubauen. Widerbergs Hass auf das schwedische Establishment blieb einseitig: Er wurde mit Preisen überhäuft, „Das Rabenviertel“ wurde anstelle von Bergmans „Das Schweigen“ für den Auslands-Oscar eingereicht, und Bergman persönlich äußerte sich lobend über sein Werk. Repressive Toleranz nennt man so etwas. Widerberg ist nie als der radikale politische Filmemacher wahrgenommen worden, der er sein wollte. Das ändert nichts an seinem Verdienst, ein wenig beleuchtetes Kapitel der schwedischen Geschichte rekonstruiert zu haben.

Otto Preminger fiel es leichter, sich als Provokateur zu inszenieren. In den fünfziger Jahren zog die katholische Kirche in den USA gegen Unmoral auf der Leinwand zu Felde; ihr Einfluss reichte jedoch nicht aus, um Filme verbieten zu lassen. Preminger hatte somit beides: den starken Feind, der für kostenlose Publicity sorgt, und das neugierige Publikum, das Tabuverletzungen herbeisehnt. Sein einziger frommer Film aus dieser Zeit, Die heilige Johanna (1957), war folgerichtig ein finanzielles Desaster (Sonntag im Lichtblick). Preminger lieferte weder eine blasphemische Provokation noch ein bilderreiches Spektakel. Gerade diese doppelte Verweigerungshaltung macht den wenig bekannten Film heute bemerkenswert. In der Titelrolle debütierte Jean Seberg. Preminger wird derzeit mit einer Retrospektive geehrt, bei der man auch seinen Blockbuster Exodus (1960) über die Gründung des Staates Israel erleben kann (Sonnabend und Mittwoch im Lichtblick).

Um das Team Merchant-Ivory ist es still geworden, schon lange vor Merchants Tod im Mai 2005. James Ivory, der Regisseur, und Ismail Merchant, der Produzent, besaßen ein Monopol auf britische Kostümfilme nach literarischen Vorlagen und hatten von 1986 („Zimmer mit Aussicht“) bis 1993 („Was vom Tage übrig blieb“) keine Konkurrenz. Eigentlich hätte das Team auch die 1927 in Köln geborene, nach England und Indien emigrierte Ruth Prawer-Jhabvala integrieren müssen, denn sie war von Anfang an als Drehbuchautorin dabei. Das Arsenal ehrt sie mit einer Retrospektive und stellt das wenig bekannte Frühwerk des Teams vor, das 1963 zusammenfand: The Householder (Montag), Shakespeare Wallah (heute) und Bombay Talkie (Freitag).

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