Kino : Soderberghs ''Che'': Revolution in Realzeit

Hymne und Abgesang: Benicio Del Toro ist „Che“ – in Steven Soderberghs Guevara-Doppelfilm.

Jan Schulz-Ojala
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Abhängen auf dem langen Marsch. „Che – Revolution“ mit Benicio Del Toro (Mitte) kommt am Donnerstag ins Kino, „Che – Guerilla“ am...

Den bisher elegantesten Versuch, das Rätsel dieses seltsam leblos geratenen Biopics namens „Che“ zu ergründen, hat die Filmzeitschrift „Cargo“ unternommen. Darin schließt Michael Sicinski aus der offen bekundeten Indifferenz des Regisseurs Steven Soderbergh gegenüber seinem stark emotionsbeladenen Gegenstand, der schillernde Amerikaner sei eben ein flexibler und insofern moderner Wanderarbeiter des Kulturbetriebs. Genauer: Wer vom „Erin Brockovich“-Mainstream bis zum „Full Frontal“-Experimentalminimalismus so ziemlich alles abgedreht habe, funktioniere vorzüglich als „paradigmatischer Auteur des ökonomischen Neoliberalismus“.

Das ist fraglos todschick formuliert. Und lässt nebenbei die weniger feinsinnige Folgerung zu, Soderbergh habe seinen Doppelfilm über die Revolutionsikone Ernesto Guevara ebenso krachend an die Wand gefahren wie die Geschichte ihren spätkapitalistischen Speedcar namens Neoliberalismus. Über den nach langer Vorrecherche gefundenen Auftragsregisseur aber lässt sich das auf zwei Filme und viereinhalb Stunden geblähte Projekt wohl am wenigsten erschließen. Sondern vor allem über den Produzenten und Hauptdarsteller Benicio Del Toro: Letztes Jahr wurde er in Cannes für seine schauspielerischen Mühen ausgezeichnet, doch das Lob dürfte vielmehr der Anstrengung des Vorhabens überhaupt gegolten haben. „Che – Revolution“ zeichnet die Eroberung Kubas durch Fidel Castro von 1956 bis 1959 nach, „Che – Guerilla“ protokolliert den tödlich endenden Versuch, die erfolgreiche Revolution 1966–1967 in Bolivien zu wiederholen.

Ist das ausgesprochen hypnotische Doppel also eine Herzensangelegenheit des in Guevaras Todesjahr 1967 geborenen Puertoricaners? Soeben erzählte Benicio Del Toro der „Süddeutschen Zeitung“, von Che Guevara habe er zum ersten Mal mit 13 gehört, im Stones-Song „Indian Girl“. Erst in Mexiko sei er auf den T-Shirt-Kult um den Revolutionshelden gestoßen, dessen Geschichte in Del Toros Familie tabu gewesen sei. Mit den Filmen wolle er „allen T-Shirt-Trägern heute“ etwas vom Optimismus, von der Würde und dem bis zum Ende humanitären Impuls des studierten Arztes vermitteln, der sich als Guerillero für seinen Glauben an die Menschheit aufgeopfert habe. Und: „Bedeutend“ möge sein Filmdoppel in jedem Fall sein, wenn es Erfolg habe, umso besser.

Ein ehrgeiziges Ziel – unterlaufen die beiden Filme doch imponierend konsequent alle Erwartungen nicht nur der genannten Zielgruppe an einen solchen Stoff. Im Presseheft werden zwar die Genres Actionfilm (für die kriegerische Eroberung Kubas) und Thriller (für das klägliche Ende in Bolivien) genannt, aber hier wirken die drangeklebten Etiketten schlicht grotesk. In beiden Filmen bewegen sich fast ausschließlich überschaubare Guerillatrupps in stetem Palaver durchs Gelände, Action wird überwiegend – wie beim Theater – meist durch reitende Boten herangetragen, und selbst die gelegentlichen Schießereien verlaufen recht behäbig. Um eine durchaus wahrnehmungsrevolutionierende Ikone unserer Zeit zu bemühen: Bei diesem Tempo würde Barack Obama zehn Legislaturperioden brauchen, um über einen Politikwechsel bloß nachzudenken.

Revolution in – gefühlter – Realzeit: Natürlich ist sie lang (wenn man ihre Anund Leerläufe mitzählt), langwierig und auch oft langweilig. So hat es durchaus eigentümlichen Reiz, mit Benicio Del Toro und Steven Soderbergh zwei durch Hollywood hinlänglich geprägten Charakteren dabei zuzusehen, wie sie auch durch Einbeziehung der Erinnerungen einstiger Mitstreiter Guevaras die geschichtlichen Abläufe so skrupulös wie möglich nachstellen. Was auch heißt: History, und sei sie im Detail noch so dröge, obsiegt über Story. Immer wenn sich die Chance zum Drama ergibt, etwa bei der Verurteilung von Verrätern in der kubanischen Sierra Maestra, drängt die nächste sedierende – und doch enervierend fahrig angerichtete – Szene. Selbst die Guerillera Aleida (Catalina Sandino Moreno), die sich dem schönen Helden auf dem Weg nach Havanna anschließt und ihn immerhin später heiratet, bleibt auf die keusche, dem übergeordneten Ziel dienende Rolle beschränkt. Love Story? Das wäre ja noch schöner.

Auch kompositorisch regiert die Askese. In „Che – Revolution“ sorgen eingeblendete, scheinbar dokumentarische Schwarz-Weiß-Szenen noch für eine gewisse Abwechslung: das Interview mit einer US-Journalistin (Julia Ormond) zeigt den siegreichen, selbstbewussten Revolutionär in Havanna, und in weiteren Bildschnipseln wird Guevaras Rede vor den Vereinten Nationen 1964 nachgestellt. „Che – Guerilla“ kennt dagegen nur die unmittelbare bolivianische Chronologie. Fast erlösend mutet es dann schon an, wenn aus den nicht enden wollenden Guerillalager-Hochlandszenen hin und wieder hinübergeschnitten wird zu den Regierenden, die mit der CIA – selber auch sehr gemächlich – den vernichtenden Gegenschlag vorbereiten.

Beide Filme kommen in Deutschland im Abstand von sechs Wochen ins Kino. Das ist schade, denn tatsächlich lässt sich das Doppelwerk mit einigem, wenn auch hart ersessenem Gewinn am ehesten in unmittelbarer Folge begreifen. Wobei Film II wie rückwärts laufend Film I zu kommentieren scheint: erst die zähe Eroberung eines Landes fast aus dem Nichts, dann Dezimierung, Demoralisierung, Untergang. Als Fidel Castro mit den Seinen 1956 in Kuba landete, blieb nach dem ersten Kampf mit Regierungstruppen nur ein Dutzend Getreuer übrig. Und mit kaum mehr als einem Dutzend Verschworener stellte sich Che Guevara elf Jahre später zum letzten Gefecht, bevor er verwundet, gefangen genommen und erschossen wurde.

So bleibt von diesem Doppel-„Che“ keineswegs das, was sich sein Initiator Benicio Del Toro damit vor allem gedacht haben mag: die Hymne auf eine revolutionäre Biografie. Sondern der melancholische, ja meditative Abgesang auf das Prinzip Revolution.

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