Kultur : Kino: Tranige Tropen

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Der undankbarste Platz für einen Festivalfilm ist weltweit Nummer zwei. Nicht der zweite Preis, sondern der zeitlich zweite Film im Wettbewerb. Jener Film, den man am Morgen nach der Premierenparty zeigt: Filmjournalisten schwänzen ihn gern, und die Festivalmacher wissen das auch.

So gut versteckt ging zur Berlinale 2001 Lucrecia Martels "La Ciénaga" (Der Sumpf) an den Start, doch, siehe da, die Erweckbaren unter den Wettbewerbs-Durchsitzern waren sofort hellwach. Hässlich mittelalte Körper schoben sich da in Badekleidung durchs Bild, müde Stimmen unter einem weißen schweren Himmel. Unmittelbar neben dem verblichenen Sommergestühl, auf dem sie sich fläzten, lag ein brackig grüner Pool oder Tümpel: ein Ort zum Hineinspringen, Untertauchen und Gleichtotsein. Perfekter Stillstand auf einer Hacienda in den Subtropen, perfekter Stillstand zweier, dreier Familien, perfektes Dahindämmern unter Alkohol und Hitze. Von einer schleichenden Generationen-Epidemie am ehesten erzählt dieser Film; davon, dass die Hoffnungslosigkeit und der Zynismus der Alten die Jungen infiziert, wenn nicht heute, so morgen oder spätestens morgen nacht.

Mit diesem auf der Berlinale fast übersehenen Erstlingsfilm, der schon ein Meisterstück ist, eröffnet das Arsenal am Sonntag eine Reihe mit einem Dutzend argentinischer Filme, die sich über den ganzen Monat erstreckt. Rodrigo Fürths "Toca para mí", ein weiterer Berlinale-Beitrag, ist da noch einmal zu sehen, auch Gregorio Cramers "Invierno mala vida", der nach Patagonien führt, ins feuerländisch kalte andere Ende der Welt. Oder Marco Bechis "Garaje Olimpo", der an die Mitärdiktatur erinnert, und "No quiero volver a casa" (Ich will nicht nach Hause zurück), Albertina Carris Blick auf eine Jugend ohne Illusionen. Als sei, sagen diese Filme, das Zuhause ein Sumpf, überall - wie jener in "La Ciénaga", der die Zukunft ausdünstet und zugleich verschlingt.

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