Kino :   NEU AUF DVD  

Jan Schulz-Ojala

TÜRKISCHE FRÜCHTE Regie: Paul Verhoeven (Euro Video) An dem Film, der 1973 einschlug wie eine der damals zahlreichen Sexfilmbomben in die deutsche Kinolandschaft, ließ der Tagesspiegel kein gutes Schamhaar: „Von allen jeweils möglichen Inszenierungsvarianten hat der junge Regisseur Paul Verhoeven (nicht verwandt mit unseren Verhoevens) immer die direkteste und plumpste gewählt“, erkannte ein gewisser R.R., um sich alsbald über „unappetitliche Anreicherungen wie Fäkalien in Großaufnahme“ zu entrüsten oder „das wilde Erbrechen des angeekelten Helden, das sich über die Teilnehmer einer Tischrunde ergießt“ – ja, und erst die „darstellerischen Leistungen vom Laienspiel bis zum Ohnsorgtheater“! Milde beurteilt der Kritiker nur die – reichlichen – Sexszenen: Diese hielten sich, befand er, „wenigstens im Rahmen des von Pornofilmen her Bekannten“.

Abgesehen von der hübschen Pikanterie, dass sich hinter dem Kürzel-Pseudonym ein angehender Filmregisseur verbarg, der später selber die Grenzen des sogenannten guten Geschmacks stets aufs Neue auszuloten trachten sollte: Der Skandalfilm des Regisseurs Paul Verhoeven, der damals noch in seiner niederländischen Heimat für den überwältigungsbedürftigen Weltmarkt übte, ist längst ein Klassiker. Sagen wir: einer der ganz besonders wilden Art. Die Geschichte des Künstler-Provos und Sexmaniacs Erik (Rutger Hauer), der seine Zufallsbekannte Olga (Monique van de Ven) bei aller Spontanverliebtheit meist arg ruppig behandelt, um ihr, als sie mit einem reichen Ami durchbrennt, ebenso arg pathetisch hinterherzulaufen, bis ein Gehirntumor weiblicherseits dem zusehends hysterischen Treiben ein Ende bereitet: Beim niederländischen Filmfestival 1999 wurde er sogar zum „besten niederländischen Film des Jahrhunderts“ gewählt. Sollte es sich dabei weniger um ein Lob als um das grausamstmögliche Urteil über die verdiente niederländische Filmindustrie handeln?

Ach, Meinungen! Ach, Kritik! Wie oft stehen sie auf doppeltem Boden! Dieser Film immerhin geht, gedreht mit Handkamera und ohne Proben, mit schnellen Schnitten und ohne Storyboard, stets bedenkenlos geradeaus – und machte seinen Regisseur mit einem Schlag reich und weltberüchtigt. Heute funktioniert das Werk, mal rasant und mal rumpelnd, mal bewegend und mal bloß blöd, vor allem als Dokument eines Jahrzehnts, das zumindest in seinen Anfängen, freigefegt von den Achtundsechzigern, nahezu paradiesisch war. Wenn man denn den wilden Filmemachern Glauben schenken darf – und den wild gewordenen Rezensenten. Jan Schulz-Ojala

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