Kino :   NEU AUF DVD  

Karl Hafner

CHOKE von Clark Gregg

Sex-Sucht scheint eine genuin amerikanische Krankheit zu sein. Zumindest kennt man vor allem aus dem amerikanischen Kino diese Selbsthilfe-Gruppen, in denen die Betroffenen mental die Hosen herunterlassen, die abstrusesten Fantasien bereden und sich dann an den Händen fassen und sich Mut machen. In Clark Greggs „Choke – Der Simulant“ (Koch Media) von 2008 nimmt der sexbesessene Victor Mancini, gespielt von Sam Rockwell, an diesen Sitzungen teil – und vögelt währenddessen eine Nymphomanin auf der Toilette. „Choke“ ist die zweite Verfilmung eines Romans von Chuck Palahniuk, der auch das Buch schrieb, auf dem David Finchers „Fight Club“ basiert. Wieder steht ein Mann im Mittelpunkt, der aus der Gesellschaft driftet, mit seinen Neurosen nicht zurechtkommt und durch eine Welt aus Wahn und Religiosität schlingert. Victors Leben ist eine Zumutung. Sein Geld verdient er auf demütigende Weise: als Darsteller in einem historischen Freizeitpark. Daneben kümmert er sich um seine geisteskranke Mutter, die in ihrem Sohn alles und jeden erkennt, nur einen nicht: ihren Sohn. Er verführt eine Ärztin und bekommt keinen hoch. Wenn das nicht Liebe ist! Sein bester Freund masturbiert zwanghaft – und doch bleibt der Film trotz aller Fixierung auf sexuelle Abgründe reichlich brav. Sex – das ist hier Flucht, nicht Lust. Komisch ist diese Tristesse, von außen betrachtet, aber trotzdem.

KING OF B-MOVIES von Stephen Kessler

Das goldene Zeitalter der B-Movies ist vorbei. Filme mit Namen wie „Heil Titler“ oder „LSD-Day“ landen höchstens noch in einer Videothek, in diesem Fall nicht einmal da. Sie sind fiktiv. Ein Morty Fineman soll sie gedreht haben laut „King of B-Movies“ (Epix), Stephen Kesslers Mockumentary von 2000 über die Karriere eines unabhängigen Regisseurs, der unsere niedrigsten Instinkte anspricht mit seinen 427 Filmen, dabei jedoch auch etwas bewegen will, gesellschaftlich, gegen Krieg und Verblödung. Fineman hat sich noch nicht erholt von seinem größenwahnsinnigen 23-MillionenFlop „The History of America“, ist pleite und erhält endlich ein Angebot. Endlich will jemand seine Filme kaufen. Alle – für 6 Dollar das Pfund. Sein Assistent versucht, wenigstens ein Festival aufzutreiben, das Finemans Filme zeigt. Irgendwo in Nevada werden sie fündig, in einem Ort, der von der Prostitution lebt. Dort wird Fineman gefeiert. Der Film ist natürlich Quatsch, aber er macht eine Menge Spaß. Der wunderbare Jerry Stiller spielt den Regisseur. Sein Sohn Ben wie auch Peter Bogdanovich, Ron Howard, Nick Cassavetes und natürlich Roger Corman haben ihre Auftritte und schwärmen von der hohen Kunst und der Unbeugsamkeit des Herrn Fineman. Dazwischen gibt es überdrehte, komische Filmausschnitte aus dem fiktiven Werk des Meisters zu sehen und am Ende bedauert man, dass es nie ein Fineman-Festival geben wird. Nicht einmal im hinterletzten Kaff.

DIE AUSSERIRDISCHEN

von Roger Corman

Den Planeten Davanna hat es schlimm erwischt. Ein Atomkrieg hat das Blut der dortigen Bewohner zerstört. Frisches Blut muss her für Massentransfusionen, um das Überleben der eigenen Spezies zu sichern. Frisches Blut – das gibt es auf unserer Erde. 1957 hat Roger Corman, der wahre King of B-Movies, den Science-Fiction-Schocker „Not Of This Earth“ gedreht. In nur zehn Tagen, Billigware, knapp über 60 Minuten, als erster Teil für die damals üblichen SF- oder Horror-Doppel-Features in den Autokinos. Auf DVD heißt der Film „Die Außerirdischen“ (Alive). Johnson, der Undercover-Außerirdische, wirkt wie ein Mann vom Geheimdienst mit seinen Apparaturen im Metallkoffer, mit denen er den Menschen das Blut aus den Adern saugt. Gehirnkontrolle, Camouflage, die Außerirdischen sind unter uns. Wir sind ihre Ersatzteile, skrupellos beuten sie uns aus.

B-Movies, das sind auf Effekt getrimmte, visualisierte Ängste der jeweiligen Zeit. Was ist, wenn wir, die allmächtigen Erschaffer einer technologisierten Welt, die Kontrolle über Atomkraft, Space Race und Gehirnforschung verlieren, so der SubText. Auch heute ist „Die Außerirdischen“ noch herrlich schaurig, einer der schönsten Science-Fiction-Filme der Fünfziger, für Corman-Fans sowieso. Das sind mittlerweile viele. Im November wird Roger Corman den Ehrenoscar für sein Lebenswerk in Empfang nehmen.Karl Hafner

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