''1. Mai'' : Mao ist für Warmbiertrinker

Kollektiv, subversiv, explosiv: Das Gemeinschaftsprojekt „1. Mai“ erzählt vom Kreuzberger Straßenkrieg – in drei Episoden.

Christiane Peitz
1. Mai
Gemeinsam stark. Harry (Peter Kurth) und Yavuz (Cemal Subasi) demonstrieren auf der Oranienstraße. -Foto: x-filme

1987 war die Welt noch in Ordnung. Da wurde am 1. Mai Bolle geplündert und abgefackelt, ganze vier Stunden war Kreuzberg das Weltzentrum der Anarchie. 1988 war auch nicht schlecht, jedenfalls hütet Randale-Veteran Harry eine Original-88er-Bierpulle vom Getränke-Hoffmann-Beutezug als Reliquie auf seinem Anarcho-Altar. Und heute? „Och Harry, nicht schon wieder“, sagen die Oldies, als ihr Kumpel Sperrmüll auf die Straße zu zerren beginnt, weil Barrikadenbau zum 1. Mai nun mal dazugehört.

Vierzig Jahre ’68? Zwanzig Jahre Randale, das rockt! Ein filmisches Gemeinschaftsprojekt betreibt Mythenschau: 24 Stunden, vier Regisseure, drei Teams, drei Episoden, ein Film, gedreht am realen 1. Mai 2007 rund um das Kottbusser Tor. Der Brandenburger Polizist Uwe (Benjamin Höppner) hat Wut im Bauch, weil seine Frau fremdgeht, soll in Kreuzberg aber deeskalieren. Der 11-jährige Yavuz (Cemal Subasi) möchte es seinem großen Bruder (Oktay Özdemir) mal richtig zeigen und einen „Bullen plattmachen“, gerät aber an besagten AnarchoOpa Harry (Peter Kurth). Und die Krawalltouristen Jacob (Jacob Matschenz) und Pelle (Ludwig Trepte) machen einen Berlin-Ausflug, sie wollen Fun, Action, was reißen. Endstation Notaufnahme: Im Lauf der Nacht landen sie alle im UrbanKrankenhaus.

Wenn es stimmt, dass das Kino festhält, was im Verschwinden begriffen ist, braucht man sich um Kreuzberg am morgigen 1. Mai keine Sorgen zu machen. Amüsiert gibt das junge Regie-Kollektiv Ludwig & Glaser (die „Ausflug“-Episode) Sven Taddicken („Yavuz“) und Jakob Ziemnicki („Uwe“) den Alten zu verstehen: Wir mögen Euch, aber Ihr seid längst passé, seid Filmstoff, also ab ins Museum mit Eurer Randale. Mitten im Straßenkriegsspiel kann man der Mythisierung bei der Arbeit zusehen. Bolle forever, und Harry lehrt Yavuz das linksradikale Einmaleins. Mao ist für Warmbiertrinker, Stalinist kommt von Stahl, und ich bin nicht schwul, sondern Atheist. Nur den Unterschied zwischen Kommunist und Komponist kapiert Yavuz einfach nicht.

Der „1. Mai“ als Spaßguerilla-Aktion. Nach missglücktem Bordell-Besuch nebst Wasserwerfer-Attacke sieht der brutalstmöglich ramponierte Polizist Uwe irgendwann aus, als habe er sich von einem Seyfried-Cartoon direkt auf die Leinwand verirrt. Aber der Film belässt es nicht beim Kiezkomödienstadl. Zum einen schickt er die Kreuzberger Parallelgesellschaften auf Kollisionskurs, wenn er den Slang der Gangstarapper-Türken mit dem Jargon der Punks und Ökos konfrontiert. Ich Harry, du Yavuz, das gab's im Kino noch nie. Und als die Kleinstadtkids Jacob und Pelle sich in eine Offtheater-Performance à la „X Wohnungen“ verirren, prallen wieder zwei Welten aufeinander, der Underground und die Provinz. Zum anderen ist irgendwann Schluss mit lustig. Hinter der Bambule lauert die Verzweiflung, ein mörderischer Ernst, eine regelrechte Todessehnsucht. Von Anfang an sind Waffen im Spiel, Stahlkugeln, eine Zwille, eine Luger. Emotionen brechen sich unkontrolliert Bahn, jeder Mensch ein gefährlich verirrtes Geschoss.

Die im Dokufiction-Stil inszenierten, ineinander verwobenen und mit coolem Soundmix angereicherten Episoden richten den Fokus weniger auf die Straßenkrawalle als auf den Psychostress, auf Coming-of-Age- und Midlife-Krisen. Stau, jetzt geht's los. Eine Gewaltspirale gerät in Gang, ein Wahnsinnstrip, dessen Strudel die Bilder erfasst. Gefahr im Verzug: Mehr und mehr krankt der Film an der Überdosis seiner explosiven Stoffe, all der Hauptdramen und Nebentragödien, was ihm einen fatalistischen Drall verleiht. Zumal Pelle im Morgengrauen in Jacobs Videotagebuch eine entsetzliche Wahrheit entdeckt. Die retrospektive Enthüllung wird zum Totschlagargument für alles, was bislang geschah.

„Morgen ist Fiktion. Heute das war schon. Gestern ist egal“, singen Schneider FM zum Abspann. Und Hannah Herzsprung geistert als Punk-Engel durch die Nacht. Wenigstens einer lässt sich am Ende von ihr sagen, dass es gar nicht darum geht, immer der Stärkere zu sein.

Ab Donnerstag in den Kinos Babylon Kreuzberg, Cinemaxx Potsdamer Platz, Delphi, International, Kino in der Kulturbrauerei, Yorck. Premiere am 30. Mai im Freiluftkino Kreuzberg, 20.45 Uhr.

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