„10 Kanus, 150 Speere und drei Frauen“ : Zurück zu den Ahnen

Auf den Spuren der Aborigines: Der Film „10 Kanus“ ist eine mythische Geschichte um Eifersucht und Begehren, Zauberer, Krieger, Mord und Tod. Und der Versuch, dokumentarische Materialien in einem Spielfilm authentisch erscheinen zu lassen.

Daniela Sannwald
Aborigines
Rolf de Heers Film schwankt zwischen amüsanter Tragikomödie und zähem Kunstfilm. -Foto: Promo

In den dreißiger Jahren unternahm der australische Anthropologe, Journalist, Fotograf und Dokumentarfilmer Donald Thomson ausgedehnte Expeditionen zu den Aborigines im Arnhem-Land im Nordosten Australiens. Er lebte monatelang mit den Ureinwohnern, lernte ihre Sprache, war fasziniert von ihrer durch ihr Verhältnis zu Erde und Landschaft geprägten Kultur, ihren Traditionen, ihren Regeln für soziales und wirtschaftliches Zusammenleben. Er dokumentierte alles fotografisch, drehte Filme, verfasste Berichte und Zeitungsartikel und engagierte sich vor allem gegen das Assimilationsprogramm der australischen Regierung. Seine Arbeit war wissenschaftlich, leidenschaftlich, politisch.

Nun wandelt der in den Niederlanden geborene und seit seiner Kindheit in Australien lebende Regisseur Rolf de Heer auf den Spuren Donald Thomsons – und stellt dessen Dokumente in einem Spielfilm nach, dessen Handlung auf überlieferten Erzählungen der Yolngu genannten Aborigines im Arnhem-Land basieren soll. Es ist eine mythische Geschichte um Eifersucht und Begehren, Zauberer, Krieger, Mord und Tod. Dabei sieht man im wesentlichen Totalen von Sumpflandschaften, durch die nackte Männer mit und ohne Kriegsbemalung stapfen.

Diese Ahnen-Geschichte wird von einer Rahmenhandlung eingefasst und unterbrochen, die ein paar Jahrhunderte später spielt und wiederum von einem die Kinozuschauer direkt ansprechenden Off-Erzähler präsentiert wird. Die komplizierte Erzählstruktur spiegelt sich auf der Bildebene wider: Farbe für die Urahnen, Schwarzweiß wie auf den Thomson’schen Fotos für die Ahnen, farbige Akteure in schwarzweißem Umfeld für Träume und Visionen.

Der weiteste Teil des Geschehens spielt sich in der Distanz der Totalen ab, die möglicherweise die ferne Vergangenheit visualisieren soll. Gelegentliche Nahaufnahmen schneiden schamhaft dicht unterhalb des Bauchnabels ab. Alle Darsteller sind Laien, die gegen die Absichten des Anthropologen Donald Thomson längst assimiliert sind oder auch wurden und nun, unter europäischer Anleitung, die Kultur ihrer Vorfahren wiederentdecken. Der Erzähler wiederum spricht, anders als die Protagonisten beider Geschichten, sehr viel und bezieht sich jovial und in gebrochenem Englisch stets auf vorweggenommene Zuschauerreaktionen; wie die anderen Einwohner des Städtchens Ramingining ist er am Drehbuch beteiligt.

Eine gewisse Faszination dieses Films besteht in den weiten Totalen unbekannter Landschaften und in den zu Tableaus arrangierten Personengruppen, die den historischen Fotografien Thomsons nachempfunden sind. Ansonsten: schöne Wilde, alberne Wilde, finstere Wilde, Anal- und Fäkalwitze. Man mag darin Authentizität, lebendiges kulturelles Erbe, gar ästhetischen Widerstand gegen Hollywood entdecken – oder aber prätentiöses Kunstgewerbe, Exploitationkino gar, das ein kulturelles Erbe auf gefällige Versatzstücke reduziert. Daniela Sannwald

Broadway, Delphi, FT Friedrichshain, Neues Off; OmU im Babylon Mitte

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