12 Meter ohne Kopf : Störtebeker-Film: Gewalt ist auch keine Lösung

Kampfgeschrei und Kabarett: Sven Taddickens verspielte Piraten-Komödie „12 Meter ohne Kopf“ über den norddeutschen Mythos Klaus Störtebeker.

Christian Schröder

Klaus Störtebeker, so behauptet die Legende, war kaum totzukriegen. Als er im Jahr 1401 vor den Hamburger Stadttoren enthauptet wurde, soll der Delinquent noch zwölf Meter ohne Kopf zurückgelegt haben. Allen Mitstreitern, an denen er vorbeilief, war die Freiheit versprochen worden. Doch in Sven Taddickens Störtebeker-Film, der ausgerechnet „12 Meter ohne Kopf“ heißt, fehlt die Szene. Das Segel-, Sturm- & Säbeldrama spielt souverän mit den Mythen, die sich um die Figur des bekanntesten deutschen Piraten gelegt haben. Störtebeker, das ist die überraschende Pointe, wurde gar nicht hingerichtet.

Klaus Störtebeker, gespielt vom Kino-Newcomer Ronald Zehrfeld, und sein Kumpan Gödeke Michels, drahtigentschlossen von Matthias Schweighöfer verkörpert, machen mit einem Haufen von räudigen, verschmutzten Draufgängern die Nord- und Ostsee unsicher. Ihre Spitznamen lauten „Lupe“, „Keule“ oder „Nolle“, sie möchten frei sein und sich nehmen, was sie wollen. Zu diesem hedonistischen Weltbild passt die forciert heutig wirkende Sprache, in der sie drauflos „sabbeln“. Bevor sie ein Schiff entern, stoßen sie ihren martialischen Kampfruf aus: „Fickt die Hanse!“ Gegner werden „platt gemacht“, die Essensrationen müssen „immer rein in die Fressspalte“, und als Störtebeker einer Kellnerin näherkommt, die er beim Landgang in einer ostfriesischen Spelunke kennengelernt hat, fragt er wie ein schüchterner Student: „Und was machst du so?“

Störtebeker-Film: 12 Meter ohne Kopf
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10.12.2009 10:03MATTHIAS SCHWEIGHÖFER als Gödeke Michels und RONALD ZEHRFELD als Klaus Störtebeker in ZWÖLF METER OHNE KOPF. © 2009 Warner Bros....


„12 Meter ohne Kopf“ will kein historisch korrekter Kostümschinken, sondern ein Pop-Spektakel sein, das den „Likedeelern“ bei ihrem anarchischen Spaß am Rebellieren zuschaut. Vorbild waren Genre-Bastarde wie „Fluch der Karibik“ oder „Ritter aus Leidenschaft“, die auf Action und Ironie setzen. Hinnerk Schönemann gibt als Keule den stammelnden Bord-Deppen vom Dienst, Detlev Buck treibt als Waffenhändler seine Knauserigkeit so weit, dass die Piraten ihn buchstäblich zum Teufel schicken. Gedreht wurde auf nachgebauten Koggen auf hoher See, das machte Special Effects überflüssig. Bei Kampfszenen spritzt schon mal Kinoblut auf die Kameralinse, dazu röhrt T. Rex „20th Century Boy“.

Es geht, wie immer bei Jungs-Filmen, um Freundschaft. Liebe kann dabei nur stören. Die Angst sitzt Störtebeker im Nacken, nachdem ihm ein Gegner im Kampf sein Messer in die Brust gerammt hatte. Nun träumt er von einer friedlichen Zukunft mit seiner Geliebten, der schönen Kellnerin (Franziska Wulf). Gödeke Michels hingegen will partout weiterkämpfen, dafür geht er auch über die Leichen der eigenen Leute. Den nächsten Angriff bricht Störtebeker kurz vor dem Befehl zum Entern ab. Seiner Mannschaft verkündet er im Therapiesprech: „Gewalt ist keine Lösung. Wir müssen miteinander reden.“

Ähnlich kabarettistisch geht es auf der Gegenseite zu. Die Hamburger Ratsherren sehen in ihren beeindruckenden Kostümen aus Lederwämsen, Spitzenhalskrausen und Schnabelschuhen wie hingemalt aus. Das Einzige aber, das für sie zählt, ist die Rendite. „Wie sind die Zahlen?“, fragt Bürgermeister Simon von Utrecht, in seiner aasigen Durchtriebenheit eine Paraderolle für Devid Striesow. Schlecht sind sie, die Zahlen. Wegen Störtebeker. Die Märkte reagieren „nervös“, die Heringspreise verfallen, es droht ein „Außenhandelsdefizit“. Krisenbegriffe wie aus einer aktuellen „Tagesschau“. Störtebeker muss weg. Also schicken die Hanseaten zwei finstere Totmacher auf die Jagd, Lange und Schocke (Alexander Scheer und Milan Peschel).

Zwischen Kampfgetümmel, Kumpelgesprächen und Kabaretteinlagen schweift die Kamera immer wieder ab, zeigt Hühner, die Körner aufpicken und matschige Erde, auf der Radieschen wachsen. Regisseur Sven Taddicken ist ein Spezialist fürs Landleben. Schon in seinem Überraschungserfolg „Emmas Glück“ war 2006 ein suizidal gestimmter Autohändler auf einem Kleinbauernhof mit 21 Schweinen und 17 Ferkeln gelandet. Auch in „12 Meter ohne Kopf“ stehen Misthaufen und reetgedeckte Fachwerkhäuser für eine idyllische Gegenwelt. Das Meer bringt den Tod. Wo aber Ackerbau und Viehzucht betrieben werden, wartet das Glück. Sogar für Störtebeker.

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