3-D-Film : Gib die Augen, lernst du sehen

Die Märchenfantasie "Coraline" ist der erste Film, der 3-D als Kunstform zu nutzen versteht. Erzählt wird die Geschichte eines Mädchens, das einen Weg in eine andere Welt entdeckt. Doch die entpuppt sich als Kinderfalle.

Sebastian Handke
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Bedrohliches Glück. Coraline genießt einen Ausflug mit ihrem "anderen Vater" - noch. -Foto: Promo

Nichts zu machen. Irgendwann kommt der Tag, an dem man sich der Erkenntnis stellen muss: Ich bin nicht der Mittelpunkt des Universums. Die Welt ist zwar schön, aber nicht gut; Wünsche bleiben unerfüllt und Mama hat noch anderes vor. Was tun? Am besten zurück. Oder einfach weg. Die Literatur ist voller Türen, Schränke, Gänge, Löcher, die nach Wunderland führen, nach Oz, Narnia oder in andere Unter- und Nebenwelten. Aber wehe, wenn man dort ist. Andere Welten haben immer einen Haken.

Coraline ist unglücklich, denn ihre Eltern kümmern sich nicht. „Vater kocht, ich mache sauber und Du bist nicht im Weg“, sagt Mutter. Sie sind gerade erst in ein altes, verwinkeltes Haus gezogen. Beim Herumstreunen entdeckt Coraline einen Tunnel in eine andere Welt. Dort ist alles wie in der alten, nur besser. Alle haben Zeit. Das Essen ist gut, der Garten gepflegt, der Lüster zugleich ein Milchshakespender. Es herrscht die totale Mutterliebe – und die „andere Mutter“ hat nicht vor, ihren neuen Schatz wieder abzugeben. „Sie braucht was zum Lieben“, sagt der schwarze Kater. Also darf Coraline bleiben. Wenn sie ihre Augen hergibt. Denn alle Bewohner der anderen Welt müssen sich flache schwarze Knöpfe auf die Augen nähen lassen. „Vielleicht“, so der Kater weiter, „braucht sie aber auch nur was zum Essen.“ Die andere Welt, stellt sich heraus, ist eine Kinderfalle.

Es steckt ein wenig „Alice in Wonderland“ und ein wenig „Hänsel und Gretel“ in „Coraline“, eine Erzählung des Briten Neil Gaiman, bekannt vor allem für sein epochales Comicepos „Sandman“. Gaimans dunkle Märchenwelten sind nicht leicht in Film zu übersetzen, aber mit Henry Selick fand sich ein kongenialer Partner: Selick ist neben Nick Park („Wallace and Gromit“) der letzte Großmeister des alten Stop-Motion-Verfahrens, das in diesem Film freilich gar nicht antik wirkt, weil es mit der neuen 3D-Technologie eine ausgesprochen glückliche Verbindung eingeht. „Coraline“ ist wohl der erste Film, der 3D wie ein Kunstmittel zu nutzen versteht. Selick lässt nicht mehr nur bewegte Bilder an die Wand werfen. Er inszeniert einen Bühnenraum.

Dort tummeln sich eine Hundertschaft musizierender Springmäuse, Möbelinsekten, Zuckerwattekanonen, fliegende Gartenmaschinen, ein russischer Akrobat und natürlich die seltsamen Hunde von Miss Spink und Miss Forcible. Der Aufwand für eine Stop-Motion-Produktion dieser Detailfülle ist schier unglaublich, vor allem heute, da man das meiste vom Computer erledigen lassen könnte.

So viel Arbeit macht sich Henry Selick nicht aus reiner Nostalgie. Körper und Oberflächen erscheinen plastischer, als es mit Computern möglich ist, denn es sind ja Puppen, die da bewegt werden - ein winziges Bisschen für jedes einzeln geschossene Bild. Die fremd-vertraute Anmut, die dabei entsteht, ergibt jene anderweltliche Poesie, die einem Film wie diesem erst seinen Reiz und seine Eigenart verleiht.

Im Gegensatz zu Tim Burton, dessen „Nightmare before Christmas“ einst von Henry Selick zu Leben erweckt wurde, und dessen Filme oft etwas wundertütenhaft daherkommen, ist „Coraline“ trotz seiner herrlich erfundenen Details eher schnörkellos, wie Träume es meistens sind. Der Horror darin tritt zutage wie die langsam entgleitenden Gesichtszüge einer sanft lächelnden Hexe. Ein hinreißendes, wenn auch etwas unheimliches Filmkunstwerk.

In 19 Berliner Kinos, OV im Babylon Kreuzberg

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