''39,90'' : Alles Danone

Wenn Werbeprofis träumen: Der Film „39,90“, Jan Kounens Farce nach dem Bestseller von Frédéric Beigbeder, führt die Gier und Pracht des letzten Fin de siècle vor.

Christian Schröder
223784_0_a16dd22c Foto: alamodefilm
Octave (Jean Dujardin) vertreibt sich die Zeit mit einem Callgirl. -Foto: alamodefilm

Alles ist eine Ware, alles hat seinen Preis. „39, 90“, Frédéric Beigbeders große Abrechnung mit der Konsumwelt, heißt im Original „99 Francs“. In den späten neunziger Jahren, in denen der Roman spielt, waren das etwa 30 Mark. Heute bekommt man für 15 Euro in einem besseren Pariser Restaurant gerade einmal eine Vorspeise. Der Verfilmung von „39,90“ führt jetzt noch einmal den Luxus, die Gier und Pracht des letzten Fin de siècle vor. Das sieht toll aus, aber auch ziemlich historistisch, fast schon museal. Inzwischen sind die Zeiten noch härter geworden. Oder etwa nicht?

Wenn Werbeprofis träumen, kommt dabei wieder nur ein Werbespot heraus. Octave Parango, Top-Kreativer bei einer großen Agentur, sieht sich fallen. Er steht auf einem Wolkenkratzer, breitet jesusgleich die Arme aus und springt. Ein Albtraum. Oder ein schlechter Kokstrip? „Meine ersten 33 Jahren waren gut, genug Alkohol vorhanden, die Mädchen heiß“, spricht er aus dem Off. Der Comedian Jean Dujardin spielt diesen Wichtigmacher und ist dabei wie ein Klon des jungen Beigbeder ausgestattet: sensible Peter-Handke-Frisur, teure Angeberuhr, der Anzug stammt von Gucci. „Ich bin kein lieber Junge, ich bin ein Stück Scheiße, ein moderner Typ eben“, sagt er über sich selbst. Am Anfang kotzt er gleich erst einmal in seine Luxusbadewanne, in der ein nacktes, sehr heißes Mädchen schläft. So geht es weiter, Octave taumelt durch die Welt, sein kaputtes Leben zieht im Schnelldurchlauf an ihm vorbei und zerfällt in immer neue Werbespots.

Werbung ist schnell, laut und oberflächlich, und „39, 90“ kapert diese Ästhetik eines um Aufmerksamkeit buhlenden Bilder-Overkills. Der Film entwickelt schnell einen Sog, geht einem aber auch schnell auf die Nerven. Fiebrig springt die Handlung zwischen der hohlen Ödnis der Büroscharmützel und Projektbesprechungen und dem genauso hohlen Hedonismus der Afterworkpartys hin und her; was Wirklichkeit ist und was nur Storyboard, bleibt schwer auseinanderzuhalten. Werber sind hier genau so, wie man sie sich immer vorgestellt hatte. Bei der Arbeit an einer Sauerkraut-Kampagne platziert der Fotograf dralle Blondinen auf einem gigantischen Hotdog und brüllt wie die Karikatur seines Kollegen in „Blow Up“ „Gut, ja toll, wow, mach’s noch besser“-Kommandos. Ein Meeting mit den Auftraggebern für einen neuen Joghurt-Spot ist wie ein „Spiel mir das Lied vom Tod“-Duell inszeniert. Außerdem werden „Fight Club“, die „Truman Show“ und „American Psycho“ zitiert, kanonische Werke der neueren Kino-Konsumkritik.

Beigbeder hatte als Werbetexter unter anderem für Danone gearbeitet, nach dem Erscheinen von „39, 90“ und dem Rauswurf bei seiner Agentur rief er unter www.jeboycottedanone.com zum Kampf gegen den Konzern auf, bis ihm das gerichtlich verboten wurde. So gipfelt auch der von Jan Kounen („Blueberry“) inszenierte Film in einem Dickmilch-Showdown. Und wie Beigbeder läutert sich der Held vom Kollaborateur zum Widerstandskämpfer.

„Wir wollen alle die Welt verändern“, heißt es in einem der schön zynischen Off-Kommentare. „Aber wer an einem dieser Konferenztische sitzt, nimmt an der allgemeinen Verblödung teil.“ Ausgelöst wird Octaves Wandlung durch eine private Krise. Seine Freundin verlässt ihn – und der Sex, den er sich danach von einem Callgirl kauft, fühlt sich weniger gefühlsecht an. Am Ende fliegt er in die Südsee, lässt sich einen Robinson-CrusoeBart wachsen und lebt in einer Bambushütte. Die Eingeborenen heißen ihn mit einem Milchdrink willkommen, der verdächtig nach Danone aussieht. Keiner kann dem System entkommen.

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