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Up in the Air

Dem Himmel so nah

Reif für die Oscars: Jason Reitmans „Up in the Air“ mit George Clooney – eine todernste Komödie zum Totlachen
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Abmarsch zum Kundengespräch. Ryan Bingham (George Clooney), dicht gefolgt von der rationalisierungswütigen Natalie (Anna Kendrick). Foto: Paramount
Das Angestelltenleben ist ein rasender Stillstand. Man strampelt im Hamsterrad, man kommt nicht von der Stelle. Oder man kommt zwar von der Stelle, von Arbeitsstelle zu Arbeitsstelle zum Beispiel, und steigt ein bisschen oder auch ein bisschen weiter auf und guckt auf teurere Topfpflanzen und ein schöneres Telefon. Nur das Hamsterrad, das ist immer noch da. Im besten oder schlimmsten Fall erreicht man so die Pensionsgrenze, packt am letzten Arbeitstag seine Aktentasche und guckt noch mal auf die Wanduhr - gerade so wie der Versicherungsangestellte Schmidt in Alexander Paynes Film „About Schmidt“ in dieser öden Mittelweststadt namens Omaha, Nebraska.

Da wäre es doch fast erlösend, einem Menschen mit sonorer Stimme und einfühlsamem Blick gegenüberzusitzen, der einem freundlich die Frage aller Fragen stellt: „Mal ehrlich, war das wirklich der Job, von dem Sie immer geträumt haben?“ Einer, der einem die Zukunft ohne das Alltagsjoch schmackhaft macht, als „Wiedergeburt“, schon „Ihren Kindern zuliebe“. So einen netten Teufel, der sich für ein Zehnminuten-Kündigungsgespräch als Freund tarnt und einem dann so zart wie ruckizucki die Mappe mit den Abwicklungsdetails in die Hand drückt – und schon ist der finanzielle Boden unter den Füßen dahin.

Ryan Bingham, hinreißend gespielt von George Clooney, ist so ein Mann. Er arbeitet als transition counsellor für Firmen, die einem Teil ihrer Belegschaft „betriebsbedingt“ kündigen und zu feige sind, die Entscheidung selber den Betroffenen ins Gesicht zu sagen. In Zeiten der Krise scheint das ein besonders krisenfester Job – und so jettet Bingham als Topangestellter seines Arbeitsbestattungsinstituts durch die Staaten, immer mit Rollkoffer, beim Einchecken immer hinter den flink-funktionalen Japanern, und das höchste der Gefühle sind One-NightStands in Flughafenhotels. Superstolz ist er, dass er nur 43 Nächte pro Jahr in seiner lausigleer verwahrlosten Wohnung schlafen muss, in dieser öden Mittelweststadt namens Omaha, Nebraska.

Wie abgrundnah einander die Hamsterradwelten zwischen Auftragstätern und Opfern sind, wie hässlich auch die Einsamkeit in beiden nistet: Das ist die erste famose Pointe dieser todernsten Komödie zum Totlachen. Und damit „Up in the Air“ auch richtig amüsant aufs Rollfeld kommt, stellt Regisseur Jason Reitman, so jung und stilsicher und souverän wie sein „About Schmidt“-Kollege Alexander Payne, dem Vielflieger Ryan zwei Frauen zur Seite: die eine für die Arbeit, die andere für die Liebe.

Aber was für Frauen! Die coole Mittzwanzigerin Natalie (vorzüglich unangenehm: Anna Kendrick) schickt sich an, Ryans sogenanntem Leben über den Wolken den Garaus zu machen. Schließlich hat die brünette Rationalisierungsexpertin seinen Chef nahezu überzeugt, die Kündigungsroutinegespräche künftig per Videokonferenz zu führen. Na bitte, geht doch, die Leute gehen doch auch so! Die blonde Alex (unbeschreiblich weiblich: Vera Farmiga) dagegen lernt er in einer Flughafenbar kennen, gerät mit ihr unversehens in einen lustigen Clinch um den Besitz der besseren Premiumkreditkarten, und schon landen beide miteinander im Hotelbett. Wie sie sich ihm dann näher vorstellt? „Ich bin genauso jemand wie du, nur mit Vagina.“

Vorsicht Klischeefalle, möchte man meinen. Aber schon in seinen brillanten, scheinbar mainstreamigen Filmen „Thank you for Smoking“ (2005) und „Juno“ (2007) hat der erst 32-jährige Sohn des AbsolutMainstream-Regisseurs Ivan Reitman („Der Kindergarten-Cop“, „Ghostbusters“) mit den Klischees nur gespielt, um sie alsbald listig zu demontieren. In seiner Figurenwelt der eigensinnigen Einzelgänger ist niemand der, der er scheint; jeder wird irgendwann von einer Wärme berührt, vor der er sich ganz besonders in Acht nehmen sollte. Nein, wo alle Hollywoodwelt stets in Richtung Family Values und Eiskonfekt-Happy End einschwenkt, und sei die Lösung auch noch so absurd, geht Jason Reitman aufregend eigene Wege.

Ob diesen Ryan Bingham, der sein Leben so abgezirkelt auf die Bewegungs-, Verhaltens- und Konsumnormen seiner Wahlheimat namens „Airworld“ eingestellt hat, überhaupt noch jemand erden kann? Mit der Welt der Bodenständigen, zu der auch seine nahezu vergessene Verwandtschaft in Wisconsin gehört, hält er allenfalls über die immergleichen Bodenstationen Kontakt – ein Abgehobener jener Kaste von Blaumännern mit Burberry und Blueberry und Bordgepäck, die weltweit die Tagesrandverbindungen der Fluggesellschaften bevölkern. Ryans Gier – er steht kurz davor, als erst siebenter Passagier seiner Airline die Zehnmillionenmeilenschallmauer zu durchbrechen – ist zwar vergleichsweise kindisch, aber auch sie gilt einer Zahlenabstraktion und hat ihn längst enthumanisiert.

Trotzdem ist „Up in the Air“ alles andere als der platt kapitalismuskritische Film zur großen Krise. Nicht nur, weil Reitman schon vor acht Jahren begann, durchaus einschneidend an der gleichnamigen, 2001 erschienenen Romanvorlage von Walter Kirn herumzubosseln. Und auch keineswegs, weil gleich zu Beginn – nahezu dokumentarisch – real existierende Gekündigte herzzerreißend ihre teils noch frischen Rauswurfgespräche vor der Kamera memorieren. Der Regisseur interessiert sich vielmehr – und stets imponierend präzise – vor allem für Milieus. Deren prototypische Angehörige, dem Zuschauer bald wie nachbarschaftlich vertraut, steckt er freundlich in sein Psycho-Labor. Und setzt sie dort kleinen, feinen, äußerst nachhaltigen Erschütterungen aus.

Seine filmischen Ergebnisse gerieten bisher so süffig unterhaltsam wie unverschämt unauffällig philosophisch. „Up in the Air“, einer der Oscar-Favoriten für Regie, Drehbuch und den fantastisch eleganten Schnitt (Dana Glauberman), ist vor allem eine federleichte Meditation über Freiheit und Einsamkeit. Muss, wer frei sein will, auch einsam sein, so „umgeben“ man sich in der ewig gleichen Passagierabfertigungsmasse auch fühlen mag? Oder ist nicht nur Ryans Einsamkeit vielmehr ein Luxusgefängnis, das einen irgendwann zum Ausbruch zwingt – dann allerdings mit dem Risiko, dabei ordentlich auf die Schnauze zu fallen? Über den Wolken mag die Freiheit wohl grenzenlos sein; tatsächlich aber ist sie grenzenlos öde. Man muss nur lachend in Clooneys tollstes Lächeln sehen.

Ab Donnerstag in den Kinos.



(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 01.02.2010)
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