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Sherlock Homes

Clowns und Helden

Fulminanter Neustart: Guy Ritchie lässt "Sherlock Holmes" als Action-Star auferstehen
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Regisseur Guy Ritchie (links), Rachel McAdams und Robert Downey Jr. am vergangenen Dienstag auf der Filmpremiere in Berlin - Foto: dpa
Wo sind die Jagdkappe, der Karo-Anzug und die geschwungene Pfeife? Wo stecken die gepflegten Manieren, das vorzügliche Englisch und die Arroganz des Hyperintelligenten? Und wo, bitte schön, bleiben die markanten, geradezu aristokratischen Gesichtszüge, die Darsteller wie Basil Rathbone, Christopher Lee oder Rupert Everett der Figur liehen? Es ist kaum mehr etwas übrig von den Insignien des Meisterdetektivs aus der Baker Street 221b. Und doch: Sherlock Holmes lebt. Gemeinsam mit seinem Hauptdarsteller Robert Downey Jr. hat der gewitzte Haudrauf-Regisseur Guy Ritchie die Figur radikal uminterpretiert. Das Ergebnis ist: interesting, very interesting, wie Holmes sagen würde.

Der neue Holmes wäscht sich selten, ist unrasiert, hat Ringe unter den Augen. Sein wuchernder Schopf lässt selbst Struwwelpeter als gut frisierten Metrosexuellen dastehen. Statt Jagdkappe trägt er oft einen zerbeulten Hut, der schief auf dem Kopf klemmt. Statt Inverness-Überwurf hat er oben rum häufig gar nichts an. Er pflegt eine Vorliebe für Dunkles, Makabres, Ekliges. Und er nippt an Alkoholika, die eigentlich für medizinische Operationen gedacht sind. Ähnlich wie der komische Seeräuber Jack Sparrow in „Fluch der Karibik“ taumelt Sherlock Holmes als nuschelnder Kauz mit Ticks und Neurosen durch den Film. Der großartige Robert Downey Jr. macht also mit Holmes das, was Johnny Depp mit der Figur des Piraten getan hat: Er verwandelt ihn in einen clownesken, verlotterten Dandy.

Damit durchläuft Holmes die exakte Gegenbewegung zur anderen großen Neuerfindung eines britischen Helden der letzten Jahre. Während Daniel Craig dem neuen James Bond jede Ironie ausgetrieben hat, haben wir es hier mit einem Mann von großem Unernst zu tun. Außer Holmes’ schwindelerregendem Denkvermögen, seiner Lust an der Maskerade und der Zusammenarbeit mit Doktor Watson erinnert wenig an die Romane und Kurzgeschichten Sir Arthur Conan Doyles. Dieser Holmes ist kein affektloser Rationalist, kein manierierter Gentlemanästhet und kein gelangweilter Misanthrop, wie in älteren Filminterpretationen. Vielmehr begegnen wir einem Clown, der mit lustvollem Staunen auf die verrucht-verrückte viktorianische Welt reagiert. Angesichts eines Einspielergebnisses von knapp 200 Millionen Dollar in den USA darf festgehalten werden: Die Prognosen über das „Ende der Ironie“ waren verfrüht.

Was Holmes allerdings mit Bond verbindet, ist der Zugewinn an Körperlichkeit. Der Detektiv beherrscht als Actionheld nicht nur verschiedene Martial-Arts- Techniken. Er besitzt auch einen durchtrainierten Sixpack-Torso, der es problemlos auf das Cover von „GQ“ oder „Men’s Health“ schaffen würde. Mit Geschick und Verstand verprügelt er hünenhafte französische Handlanger. Und in einer famosen Kampfszene, die irgendwo zwischen „Snatch“, „Fight Club“ und „300“ angesiedelt ist, drischt er einen Boxer mit bloßen Fäusten aus dem Ring. Darüber hinaus hat dieser Mann etwas geradezu Über-Sinnliches: Er sieht und hört wie kein anderer und spürt selbst feinsten Gerüchen nach. Ein perfekter Schnüffler, keine Frage. Diese Fähigkeiten sind durchaus nötig. Denn in Lord Blackwood (Mark Strong) hat Holmes einen Kontrahenten, der anfangs am Galgen baumelt – drei Tage später aber von den Toten aufersteht. Mithilfe eines Geheimordens versucht er größenwahnsinnige Pläne in die Tat umzusetzen, bei denen es um nicht weniger als das Schicksal des britischen Empires geht.

Die Handlung von „Sherlock Holmes“ mag manchmal durchhängen. Die Action- Sequenzen könnten mit mehr britischem Understatement inszeniert sein. Und der verschwenderische Gebrauch von Computereffekten ist auch nicht nach jedermanns Geschmack. Dafür schafft Guy Ritchie ein dunkles, schmutziges London, das atmosphärisch einiges hermacht. Sein Imaginärviktorianismus liegt irgendwo zwischen der Comic-Verfilmung „From Hell“ und der Dickens-Adaption „A Christmas Carol“. Als Kulisse dienen ihm Industrieruinen, eine Werft, Londons Abwasserkanäle und ein furchteinflößender Schlachthof, der aus den „Saw“-Filmen stammen könnte. Der Showdown schließlich findet auf der Baustelle der Tower Bridge statt. Von da oben hat man einen Blick in beängstigende Tiefen und computergenerierte Weiten.

Auffällig ist, wie Guy Ritchie das steile Hierarchiegefälle zwischen seinen Hauptfiguren einebnet. In früheren Verfilmungen blickte Holmes oft verächtlich auf seinen Lakaien Watson herunter. Der Doktor war der Einfaltspinsel, den Holmes mit maliziöser Freude bloßstellte, um die eigene Genialität zur Schau zu stellen. Jude Laws agiler und aufmüpfiger Watson hingegen wirkt in manchen Szenen fast dominant. Aus belehrendem Herrn und gelehrigem Hund wurden zwei Kumpel, zwischen denen die Dialoge in Screwball-Manier hin und her fliegen – samt homoerotischen Untertönen. Auch die Umgangsformen sind informeller. Zu diesem Detektiv passt kein gewähltes „Sir“ mehr, kein „Mister Holmes“ und erst recht kein „Holmes, Esq.“ Diesen Witzbold redet man am besten so an wie Holmes’ heimlicher Schwarm Irene Adler – mit dem Vornamen Sherlock.

In den Szenen mit der Ganovin Irene Adler (Rachel McAdams) zeigt sich übrigens die einzige Schwäche des Superhelden Holmes: Im Umgang mit Frauen bewegt sich der Baker-Street-Boy eher ungelenk. Doktor Watsons künftiger Gattin Mary Morstan (Kelly Reilly) begegnet er allzu schroff, woran eine Portion Eifersucht schuld sein könnte. Und der sympathischen Irene Adler schmachtet er unbeholfen hinterher: Holmes, sweet Holmes.

Der berühmteste aller Holmes-Gegenspieler – Professor Moriarty – tritt in diesem Film nur als dämonischer Schattenmann auf, dessen Gesichtszüge im Dunkeln bleiben – und der doch alles im Blick zu haben scheint. Das Kalkül ist einfach zu durchschauen: Hier wird ein Gegner für eine Fortsetzung eingeführt. „Sherlock Holmes“ ist eindeutig als Franchise angelegt. Wer mag, kann hier Kommerzvorbehalte anmelden. Doch war Holmes nicht schon zu Sir Arthur Conan Doyles Zeiten pure serielle Populärkultur? Ein neuer Anfang ist gemacht. So kann es weitergehen.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 25.01.2010)
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