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Biopic

Gottes glühendes Auge

 Margarethe von Trottas „Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen“ schwankt unentscheiden zwischen Mystik und Biopic.
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Lesehungrig. Barbara Sukowa als Hildegard von Bingen. Foto: Concorde
Die Ahnung einer anderen Welt und der unbedingte Wille zur Veränderung der hiesigen – das ist die Spannung, die das Leben der Hildegard von Bingen prägt. Ein Leben zwischen Vision und Weltpolitik, zwischen Gott und Kaiser. Und zwischen klösterlicher Innerlichkeit und großer öffentlicher Aufmerksamkeit. Nicht umsonst ist diese Benediktinernonne, die ihre Visionen mit Billigung des Papstes veröffentlichen darf und damit Bestseller liefert, einer der Popstars des Mittelalters, von vielen verehrt bis heute.

Wenn Margarethe von Trotta sich diese Frauenfigur für einen Film vornimmt, straft sie ihr Vorhaben schon im Titel Lügen. „Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen“ schwankt unentschieden zwischen Mystik und Biopic, doch die Visionen, die Glaubensekstasen sind der deutlich schwächere Teil. Da glüht ein Gottesauge rot am Horizont, während Choralstimmen erklingen, eine Nonne kasteit sich mit einem Dornengürtel, und das Visions-Diktat wird zum erotischen Rausch. Filmbilder für Hildegards außerweltliche Imaginationen zu finden, das wäre die große Herausforderung gewesen, vor der sich von Trotta in Religionskitsch und Computeranimation flüchtet. Oder zumindest ein Weltpanorama um 1100 zu entwerfen, zwischen Weltuntergangsängsten und Weltneuentwurf, und dazu eine Gegenwelt zu schaffen, die die Zumutung klösterlicher Abgeschiedenheit vermittelt. Philip Gröning hat das in seinem überraschend erfolgreichen Dokumentarfilm „Die große Stille“ geschafft, allein durch die Herausforderung zu einem dreistündigen Film, in dem so gut wie nicht gesprochen wird. Da wurde die Radikalität dieses Lebensentwurfs spürbar. Und auch Dominik Graf hat mit „Das Gelübde“ über das Leben der Nonne Katharina von Emmerich die provokante Sperrigkeit eines visionären Glaubenslebens glaubhaft vermittelt.

Doch was von Trotta interessiert, ist nicht Glaube und Vision, sondern die Politikerin, die starke Frau, die ihren Willen gegen männlichen Widerstand durchsetzt. Hildegard, die in Todesstarre verfällt, als ihr die Klostergründung verweigert wird, die mit Papst, König und Äbten korrespondiert, die Veröffentlichung ihrer Visionen durchsetzt, sich mit kaum verhohlener Gier auf eine Bücherlieferung stürzt und dann noch einmal schwach sein darf, in der übergroßen Zuneigung zu ihrem Zögling Richardis von Stade – das sind die Bausteine, aus denen von Trotta Hildegards Charakterbild baut. Ein mühsames Unterfangen, fast ebenso mühsam wie Hildegards Klosterbau, der im Schlamm zu versinken droht, und selbst die treuen Mitstreiterinnen verweigern die Gefolgschaft.

Eine energische, willensstarke Frau – als solche gibt Barbara Sukowa die Hildegard, mit klarem Blick und großer Intensität. Von der Revolutionärin Rosa Luxemburg und der Terroristin Gudrun Ensslin zur Nonne: Einen weiten Weg hat Sukowa in ihren Filmen mit von Trotta zurückgelegt, und doch ist die Unbeugsamkeit allen drei Frauen eigen. Wenn der Funke trotzdem nicht überspringt, dann liegt das nicht an ihr, sondern am etwas ungeschickten Mittelalter-Dekor um sie herum – und an dramatischen Fehlbesetzungen in den Nebenrollen. Da muss der athletische Heino Ferch, der geistiges Tiefgründeln nicht unbedingt ausstrahlt, als Hildegards Grammatiklehrer posieren, Devid Striesow darf sich für einen Kurzauftritt als Barbarossa Bart und Wampe zulegen, und nur der Wildfang Hannah Herzsprung bringt in der schwierigen Beziehung der jungen Richardis zu ihrer Mentorin Naivität und Schwärmerei, Ehrgeiz und Eigensinn überzeugend zum Ausdruck. Dass Hildegard in ihrer Freundschaft zu weit geht, Richardis’ Versetzung nicht erträgt – das ist so ziemlich der einzige eindrückliche Moment in diesem Film, der seiner Figur nicht näherkommt als bis an die menschliche Klostermauer. Der Rest ist Klausur.

Capitol, Cinema Paris, Cinemaxx Potsdamer Platz, Titania-Palast, FT Friedrichshain, Kulturbrauerei, Passage

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 24.09.2009)
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