''Absurdistan'' : Wenn Brunnen versiegen

"Absurdistan" vom Berliner Regisseur Veit Helmer erzählt vom Frauen-Sexstreik in einem orientalischen Bergdorf - der sich bald zu einem Guerillakrieg ausweitet.

Katja Reimann
Absurdistan Foto: farbfilm
Leere Rohr. Aya diagnostiziert das Dorfproblem. -Foto: farbfilm

Aya liebt Temelko und Temelko liebt Aya. Schon seit sie Kinder waren, ist diese Liebe beschlossene Sache. Doch nun, kurz vor der ersten gemeinsamen Nacht, geht scheinbar alles schief: Die perfekte Sternenkombination für ihr Zusammentreffen ist bereits nach alter Tradition berechnet, da versiegt der Brunnen des Dorfs. Dabei beginnt die erste Liebesnacht hier schon seit Urzeiten mit einem gemeinsamen Bad! Für Aya (Kristýna Malérová) steht fest: ohne Wasser kein Bad, ohne Bad kein Sex, basta. Nur sechs Nächte lang stehen die Sterne günstig, und so bleibt dem liebeskranken Temelko (Maximilian Mauff) nicht viel Zeit, für fließendes Wasser zu sorgen. Denn tricksen, so viel steht fest, kann man mit Aya nicht.

„Absurdistan“ hat der Berliner Regisseurs Veit Helmer („Tuvalu“, „Das Tor zum Himmel“) seinen dritten Spielfilm genannt, und liebenswert absurd ist auch die Geschichte, die er erzählt. Abgesehen von Temelko ist keiner der im Dorf lebenden Männer bereit, die marode Wasserpipeline zu reparieren. Als sie beginnen, den Brötchenteig mit Wodka und den Rasierschaum mit Spucke anzurühren, treten bald alle Frauen in Streik. Kurzerhand setzen sie die Männer vor die (Schlafzimmer-)Türen und teilen das Dorf mit einem Stacheldrahtzaun. Erst wenn wieder Brunnenwasser fließt, darf wieder geknutscht werden.

Inspiriert von der Zeitungsmeldung über einen Sex-Streik von Frauen in einem türkischen Dorf, verlegt Helmer das Geschehen an einen unbestimmten und zeitlosen Ort, wobei die Gebirgslandschaft Aserbaidschans als Resonanzraum für die märchenhafte Geschichte dient. Es geht um Sex, gewiss, aber vor allem um Macht. So wird aus dem Streik der Frauen bald ein Guerillakrieg, der von Tarnfarbenhosen tragenden Cowgirls – allen voran Aya mit Sheriffstern – und mit Gewehren geführt wird.

Nur kaum mit Worten. Der multinational besetzte Film kommt fast ohne Dialoge aus – umso besser für die sorgfältig inszenierten Bilder. Wie im Stummfilm wird hier mit ausgestreckten Fingern und Armen gedeutet, mit aufgerissenen Augen bestaunt und mit hochgezogenen Augenbrauen bezweifelt. Die Symbolik – eine Sanduhr steht für das Verrinnen der Zeit, ein Totenschädel für Lebensgefahr – ist einfach und eindrücklich, alles Übrige erklären zwei Erzählerstimmen.

Einzig gegen Ende verliert der Film an Schwung. Zu dunkel die Szenerie (eine düstere Höhle), zu lang auch dauert Temelkos Heldentat im reißenden unterirdischen Fluss, in dem Protagonist und Zuschauer gleichermaßen die Orientierung verlieren. Auch dass Aya und Temelko das einzige junge Paar im Dorf sind, in dem doch – laut Rückblick – stets Kinderscharen herumsprangen, verwundert etwas. Aber wer, bitte, fragt schon nach dem Wieso und Warum in Absurdistan?

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