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Filmfestival

Die verschwundenen Zimmer

Wendekino und mehr: Das Filmfestival "achtung berlin“ widmet sich dem Mauerfall und sprengt Grenzen.
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Regisseurin Sybille Schönemann (r.) mit einer einstigen Mitinsassin. Die Dokumentation "Verriegelte Zeit" von 1990 führt sie auch in ihr früheres Stasi-Gefängnis. - Foto: defa-spektrum
Dem deutschen Film wird mitunter nachgesagt, er sei dort am stärksten, wo er sich auf deutsche Verhältnisse einlässt. Wo er sich mit Alltagsthemen beschäftigt, die im Hollywood der Heroen vernachlässigt werden. Und wo er von Dingen erzählt, von denen er etwas versteht: von der Geschichte des Landes, aus dem er kommt. Da ist es nur folgerichtig, dass sich das noch immer junge Filmfestival „achtung berlin – new berlin film award“ in seinem fünften Jahr einem Berliner Thema verschreibt: dem Mauerfall.

Im Mittelpunkt steht dabei bewusst die ostdeutsche Sicht der Ereignisse. So widmet sich die Retrospektive „Berlin Neu(n) Null“ dem Defa-Wendefilm; Arbeiten, mit denen die ostdeutschen Filmemacher das Ende ihrer eigenen Republik dokumentierten. Möglich wurde dies, weil die staatliche Defa länger lebte als der Staat DDR. So entstanden in den Jahren 1990 bis 1994 Dokumentarfilme wie Lew Hohmanns und Joachim Tschirners „Kein Abschied – nur fort“. Er begleitet drei Familien, die über Ungarn aus der DDR eher ausreißen als ausreisen, auf ihrem Weg in die bundesdeutsche Gesellschaft und erzählt beinahe beiläufig eine Chronik der Wendeereignisse. Interviews loten ihre Beweggründe, Ängste und Zweifel aus, während im Bildhintergrund die Tagesschau läuft.

Eine umgekehrte Reise, von West nach Ost, unternimmt dagegen Sybille Schönemann, die 1984 von der Stasi inhaftiert und 1985 in den Westen abgeschoben wurde, in „Verriegelte Zeit“. Die Dokumentarfilmerin befragt die Menschen, die damals ihre Festnahme und Abschiebung verursacht haben, sie fragt Richter und Stasi-Mitarbeiter. Antworten bekommt sie wenige, für verantwortlich hält sich niemand.

Auch wenn „achtung berlin“ im Jubiläumsjahr den Pflichtbeitrag zur innerstädtischen Mauer abliefert, ist das Spektrum des Festivals damit noch lange nicht erfasst. So sprengt der Wettbewerb „Mittellange Filme“ formelle Grenzziehungen zwischen Kurz- und Langfilmen und beschreitet mit den Dreißigminütern einen dritten Weg. Die Beiträge sind überwiegend an den beiden Filmhochschulen der Region entstanden und beweisen Einfallsreichtum und Humor.

Da erzählt Laura Lackmann in „Gegenüber von Trost“ die skurrile Geschichte einer Wohnung, in der ein Zimmer nach dem anderen davonschrumpft. Das führt zu komischen Situationen, in denen die Bewohnerin Wiebke in einen Blumentopf uriniert, weil das Bad bereits verschwunden ist; oder sie muss eine potenzielle Untermieterin mit dem lapidaren Bescheid „das Zimmer ist schon weg“ abwimmeln. Es ergibt sich aber auch ein intimes Porträt von Vereinzelung und Rückzug, das in einer Masturbationsszene mit Wärmflasche und der Körpernähe zu noch warmem Kopierpapier anrührende Bilder findet.

Dass Berliner Filmemacher keine Nabelschau betreiben und deutsche Themen überall in der Welt zu finden sind, beweist indes vor allem die Dokumentarfilmsektion. Da werden die Zuschauer nach Bangladesch oder ins „Hotel Sahara“ mitgenommen oder aber in die chilenische Colonia Dignidad. Die Dokumentation über die deutsche Sektenkolonie, wo im Schutze und in Kooperation mit der Pinochet-Diktatur gefoltert und gemordet wurde, ist deshalb so aufschlussreich, weil sie wie eine Parabel auf die deutsche Geschichte wirkt. Da errichtet der Sektenführer Paul Schäfer ein totalitäres Regime mit kameraüberwachten Zäunen und scharfen Hunden, entzieht die Kinder der Obhut ihrer Eltern, zwingt sie zu Schwerstarbeit. Es kommt zu systematischen Vergewaltigungen und grausamer Folter. Die Kolonie besteht bis heute fort, obwohl nach dem Sturz der Diktatur auch der Pinochet-Günstling Schäfer ins Visier der Justiz geriet. Martin Farkas’ und Matthias Zubers „Deutsche Seelen – Leben in der Colonia Dignidad“ dokumentiert die Verdrängungsmechanismen der Täter und Opfer, die weiter zusammenleben: Man habe das Gute gesehen und das Ganze nicht infrage stellen wollen, habe allein sowieso nichts ändern können oder von alledem gar nichts gewusst. Die Auswanderer, die die Bonner Republik zum Ende der Adenauer-Ära verließen, bedienen sich der Rhetorik vom Guten im Bösen und vom Schlussstrich, die in Deutschland längst in Verruf geraten ist.

Bei aller Vergangenheitsbewältigung richtet sich der Blick beim „achtung berlin“-Festival vor allem: nach vorn. Und dies mit zahlreichen – auch überraschenden – Debüts. Mit seinem Erstling und Eröffnungsfilm „Zwischen heute und morgen“ gibt Fred Breinersdorfer die inoffizielle Festival-Losung aus. Dabei ist der Ex-Jurist und Drehbuchautor schon über sechzig und hat einen recht unzeitgemäßen Liebesfilm inszeniert. Die Protagonisten, gespielt von Gesine Cukrowski und Peter Lohmeyer, lernen sich durch einen Zufall kennen und sind gleich füreinander entflammt: Sie schwören sich sofort, ihre Partner zu verlassen, und diskutieren wahlweise im Bett, in der Badewanne oder an der Hotelbar feingeistig über Stendhal und – natürlich – die Liebe. Dazu gibt es ein anzügliches Chanson und ein Glas Wein. Das alles ist Autorenfilm und Kammerspiel, vor allem aber: eine Hommage an das französische Kino.

Eine ganz andere Art der Hommage ist mit Sabine Michels „Corinna Harfouch – Was ich will ist spielen“ zu sehen. Im Gegensatz zum üblichen Dokumentar-Gebaren werden die Kindheitsfotos hier weggelassen. Die Schauspielerin erzählt mit Kater Peter auf dem Schoß von entscheidenden Bühnen- und Filmerfahrungen und wegweisenden Begegnungen. Nach gerade einmal 50 Minuten Spieldauer hat der Betrachter weniger den Eindruck, etwas über ihre Person als vielmehr über ihre Profession erfahren zu haben. Wenn er sich für erstere interessiert, sei ihm trotzdem geraten, sich die Dokumentation auf dem Festival anzusehen, denn Corinna Harfouch hat ihr Kommen angekündigt. Auch sonst wird das Publikum Gelegenheit haben, nahe an die Filmschaffenden heranzukommen und Autoren, Regisseuren und Produzenten zu begegnen. Wobei das Festival diesmal neben seiner traditionellen Spielstätte Babylon Mitte das Neuköllner Passage dazu gewonnen hat.

„achtung berlin“ ist ein Ausruf, der nun schon seit fünf Jahren Filmen ein Forum bietet, die sonst vielleicht nie auf der Leinwand zu sehen wären. Es ist eine Veranstaltung des Sowohl-als-auch und eine Chance für die Filmindustrie der Region, sich zu vernetzen. Wenn in der globalisierten Welt die eigene Identität in Gefahr gerät, gewinnt das Lokale an Bedeutung. Und eben da hat das Filmfestival seine Nische gefunden.

Babylon Mitte und Passage, 15. bis 22. April. Details unter achtungberlin.de

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 14.04.2009)
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