Actionthriller : Liberté, toujours!

"Public Enemy No. 1" – Jean-François Richets Biopic über den legendären Gangster Jacques Mesrine.

Jan Schulz-Ojala
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Jacques Mesrine (Vincent Cassel) darf dem lokalen Paten Guido (Gérard Depardieu) schon mal über die Schulter sehen. -Foto: Senator Film

Wer mit einem ungewöhnlichen Namen geplagt oder gesegnet ist, weiß es zu schätzen, wenn man ihn richtig ausspricht. Korrekt sei „Märin“, belehrte Jacques Mesrine im Lauf seiner steilen Karriere stets seine Gesprächspartner, doch diese, berufsbedingt häufig wechselnd, verfielen immer wieder auf „Messrin“. Scheussslich, mit scharfem „sss“ statt ganz ohne!

Jacques Mesrines Korrekturen sind der Running Gag des ansonsten eher bleihaltigen als witzigen, in zwei Filme aufgeteilten Vierstunden-Biopics und Actionthrillers über einen hedonistischen Gauloises-Franzosen auf Abwegen: „Liberté, toujours!“ könnte auch der Wahlspruch des gallischen Gangsters gewesen sein, der es in den sechziger und siebziger Jahren zum einigermaßen weltberühmten Ein- und Ausbrecherkönig und dennoch nie zur allgemeinverbindlichen Aussprache seines Nachnamens brachte.

„Staatsfeind Nr.1“ nannten sie ihn nach seiner schier unendlichen Serie von Banküberfällen und Millionärsentführungen, nach seinen Einbuchtungen in Hochsicherheitsgefängnissen, denen er sich immer wieder durch die umso spektakulärere Flucht entzog. Wenige Wochen immerhin vor seiner Erschießung im November 1979 – Mesrine geriet an einer Pariser Straßenkreuzung in eine Falle der Polizei – kokettierte der Macho-Maulheld selber noch mit dem dafür notwendigen revolutionären Überbau: Zur ideologischen Veredelung seiner privatwirtschaftlich motivierten Raubzüge berief er sich schrill auf die Roten Brigaden und die „bande à Baader“.

Eine gewisse Nähe zum schillernden Typus Baader, auf den die rebellionsgeneigten Franzosen den RAF-Terror begrifflich reduzieren, macht das filmische Mesrine-Memorial aus deutscher Sicht zumindest bemerkenswert. Denn Mesrine war weniger und mehr. Weniger, weil er sich um die Weltrevolution nicht gerade sorgte – zumal er, ganz Kavalier, seine jeweils aktuellen Liebchen mit teuersten Colliers und den dazu passenden Edel-Fummeln beglückte und gern im neuesten BMW vorfuhr, stets bar beglichen aus dem neuesten Bruch; und mehr, weil ihn nach der ersten Isolationshaft und Folter eine unstillbare Wut gegen die Staatsgewalt erfüllte. Einmal zeigt der Film, wie er nach einem Ausbruch den verhassten Knast gleich noch mal mit Knarre und Kleinbömbchen attackiert – eigenes Todesrisiko inbegriffen.

Aus mittelständischen Verhältnissen stammte der 1936 geborene Jacques Mesrine (Vincent Cassel), den es nach der Militärzeit in Algerien eilig auf die schiefe Bahn drängte, zunächst beschützt von einem lokalen Paten (Gérard Depardieu) und später auf eigene Faust. Regisseur Jean-François Richet und sein Drehbuchautor Abdel Raouf Dafri, beide in der Pariser Banlieue aufgewachsen, inszenieren ihren Helden, voller Inbrunst für Drama und Dauerschießerei, durchaus unterhaltsam als eine Art Clyde mit wechselnden Bonnies. Wobei ihnen der erste Teil, „Mordinstinkt“, zur reichlich gewaltverliebten Huldigung gerät; der zweite Teil – „Todestrieb“ kommt Ende Mai ins Kino – demontiert den Abenteurer, allerdings in Maßen.

„Mordinstinkt“, stets eng an der Oberfläche der Ereignisse geführt, schildert Mesrines Aufstieg vom lokalen Kleinganoven zum international gesuchten Banditen; seine Ehe mit Sofia (zart: Elena Anaya) zerbricht, und er startet mit Bonnie Nr. 1 (cool: Cécile de France) ins wildere Leben durch, bis nach Kanada. Zurück in Frankreich und mit Bonnie Nr. 2 (niedlich: Ludivine Sagnier) agiert der immer mediengeilere Gangster – vom „Paris Match“-Interview bis zu Leserbriefkanonaden an „Libération“ lässt er nichts aus – in „Todestrieb“ eher als megalomaner Unsympath, der sein Ende geradezu herbeizusehnen scheint.

39 Gewalttaten, darunter zahlreiche Morde an Zuhältern, Polizisten und Gefängnisaufsehern, hatte Mesrine nach eigener Zählung seinem außergewöhnlich belastbaren Gewissen aufgeladen – und blieb doch eine Fußnote der Zeitgeschichte. Dabei ist die Blutspur seiner Taten, über die die Franzosen sich einst schaudernd erregten, womöglich noch länger als die der politisch agierenden deutschen Terror-Konkurrenz.

Vorm Vergessen allerdings schützt beides nicht. Ulrike Meinhof immerhin hat die Verballhornung ihres Nachnamens nicht mehr erlebt. Anlässlich des jüngsten deutschen Erinnerungsfilms „Baader Meinhof Komplex“, der sich seinem Gegenstand ebenfalls aus purer Lust am Thrill widmet, wurde ihr Nachname allenthalben mit kurzem „o“ ausgesprochen, wie in „Davidoff“.

In zwölf Berliner Kinos; OmU in den Hackeschen Höfen

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