Afrika auf der Leinwand : Fliehen

„Als der Wind den Sand berührte“ beschreibt den Marsch einer Familie durch die Wüste in eine neue Heimat. Eine Parabel über das Leben in Afrika und wie Menschen zu ihrer Stärke finden.

Jan Schulz-Ojala
Afrika-Kino
Auf der Suche nach einer neuen Heimat -Foto: Filmstarts.de

Wochenlang sind sie durch die gleißende Weite gezogen, auf der Suche nach einem wassernahen Platz zum Leben, und sind dabei fast verdurstet. Nun leben Vater und Tochter in einem Flüchtlingscamp – das Dromedar allerdings, das ihnen den letzten Fetzen Schatten bot, haben sie zurücklassen müssen. Keine Sorge, sagt die weiße Ärztin, es hat20 Liter Wasser aus dem Kanister bekommen, diese Tiere kommen zurecht, sie überleben da draußen in der Wüste.

Braucht ein afrikanischer Landbewohner Nachhilfe in Sachen Dromedare? Natürlich nicht. So wenig, wie ein deutscher Bauer sich über Rinderhaltung aufklären lassen muss. Nein, es sind die höckertierlieben Kinogänger, die mit derlei sorgsam gesetzten Textzeilen beruhigt werden sollen. Alles wird gut, dank der Weißen, die alles besser wissen. Und die Geretteten neigen dankbar die Häupter.

Es ist diese kurze Szene, mit der Marion Hänsels „Als der Wind den Sand berührte“ sich unfreiwillig selbst erklärt – ganz in der Kolonialromantik für den „Schwarzen Kontinent“ mit seinen „edlen Wilden“. Keine Frage, das Werk der belgischen Regisseurin ist von den besten Absichten durchdrungen: Jede Einstellung, jeder Set, jeder Takt Filmmusik dient einer sensibel gemeinten Parabel auf das nach Wasser dürstende, zum Nomadenleben gezwungene Afrika. Dafür wird gelitten und gestorben, Sippen verlieren Haus und Hof und Kinder und Tiere. Erst Exodus, dann Exitus: schon schrecklich, aber – und das ist die Hauptsache – stets wunderschön anzusehen.

Vater, Mutter, zwei Söhne, dazu die sechsjährige Shasha: Es ist eine Kleinfamilie, die aufbricht aus ihrem Dorf und, Menschenopfer für Menschenopfer, kaputtgeht auf der Reise. Profitgierige Söldner, verlotterte Rebellen stellen sich ihr in den Weg. Ein Sohn wird zwangsrekrutiert, Töchterchen Shasha muss testweise durchs Minenfeld laufen, und dann wird die Mutter todkrank. Und die Karawane zieht weiter – kleiner und kleiner.

Gravitätisch, elegisch, mit unbeugsamem Stilwillen inszeniert Hänsel ihr bewegtes Coffeetable-Book dekorativen Elends und verzichtet dabei auf jedweden konkreten geopolitischen Bezug: jeder Felsen wie aus Styropor geformt, jede aufgeplatzte Lippe mit Liebe aufgetragen, jeder Dialogsatz wie auf Büttenpapier. Die Schauspieler – die Belgierin Carole Karemera und Issaka Sawadogo aus Burkina Faso – dürfen nicht viel mehr als noble Schönheit ausstellen und wirken folglich wie lange schon tot, bevor es ans Sterben geht. Nur Asma Nouman Aden als Shasha sind im Zusammenspiel mit dem Vater ein paar belebende Szenen gestattet. Doch meist muss auch sie traurig mit ihrer Lieblingsziege schmusen und sich wortreich nach dem Tode sehnen.

Fremd erscheint uns Europäern oft das afrikanische Kino eines Abderrahmane Sissako oder Ousmane Sembène. Aber in einer einzigen ihrer Szenen ist mehr Vitalität – und oft auch Leiden – als in 96 Minuten „Als der Wind den Sand berührte“. Marion Hänsels Film atmet in seiner Kulissenhaftigkeit bloß Kunstgewerbe, das Bildergeprotze einer durchreisenden, reichen Abendlandbewohnerin, die Afrika zu lieben meint. Ein groteskes Missverständnis.

Im Filmkunst 66 und den Hackeschen Höfen (beide OmU)

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