Alice im Wunderland : Willkommen im Erlebnispark

Ein Fantast macht sich nützlich: Tim Burton und seine filmische Version von Lewis Carrolls "Alice im Wunderland".

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Anne Hathaway spielt die Weiße Königin. -Foto: ddp

Wenn je ein Buch und ein Regisseur zueinandergehörten, dann diese beiden. Tim Burton, der morbide Träumer und leidenschaftliche Filmfantast, macht sich Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ zu eigen, und er greift auf die Tricktechnik der Disney Studios zurück, wo er einst als Zeichner seine Karriere begann. Burton, Carroll, Disney – ein Dreamteam für Wonderland. Oder nicht?

Die meisten Adaptionen von „Alice in Wunderland“ taten sich schwer. Filme, Tanzstücke, Comics, Computerspiele, Songs, Konzeptalben, sogar ein Porno berufen sich auf das Buch, das zudem Quelle für zahllose Variationen ist – vom „Zauberer von Oz“ bis „Matrix“. Auch Disney hat es 1951 schon einmal getan.

Der neue Film verbindet Motive aus „Alice im Wunderland“ (1865) und „Alice hinter den Spiegeln“ (1871) und entwickelt daraus eine Geschichte, die Steven Spielbergs Versuch mit Peter Pan („Hook“) ähnelt: Alice, inzwischen 19 Jahre alt, verschlägt es erneut nach Wunderland, das eigentlich Unterland heißt, sehnlichst erwartet von alten Bekannten. Sie soll eine Revolte gegen die rote Königin anführen. Seltsam nur, dass sie sich an nichts erinnern kann. Und überhaupt: Sie sieht ja gar nicht aus wie Alice!

In den Büchern verzichtete Lewis Carroll bewusst auf Handlungsbögen, Adaptionen geraten daher oft zu Nummernrevues: Ein Mädchen wandert von einer seltsamen Figur zur nächsten. Linda Woolverton, Drehbuchautorin und Disney-Veteranin („Beauty and the Beast“), lässt die episodische Handlung in einer Entwicklungsgeschichte aufgehen. Sie macht aus dem verrückten Hutmacher, ursprünglich nur eine kurze Episode, einen Kompagnon für Alice, einer, der sein Herz entdeckt und seinen Mut, ähnlich wie Dorothys Begleiter im „Zauberer von Oz“. Schade nur, dass Tim Burton die Rolle mit dem unvermeidlichen Johnny Depp besetzt (es ist ihr siebenter gemeinsamer Film). Ein Darsteller, der noch hinter seiner Maske verschwinden kann, hätte mehr daraus gemacht.

Woolverton gibt der Geschichte außerdem einen Handlungsbogen. Aber muss es ein derart dünner sein – einer vom Reißbrett der Fantasy-Konfektion? Ein Schwert, ein Drache, eine Prophezeiung: Schon wird aus Alice, dem träumenden, gelangweilten, gewöhnlichen Mädchen, eine Erwählte.

Lewis Carroll hatte auch eine Satire auf die Kinderliteratur seiner Zeit im Sinn. Dennoch wohnt vielen Adaptionen eine disziplinierende, ja sogar anti-literarische Moral inne: die Warnung nämlich, sich nicht zu gründlich aus der geteilten Welt (koinos kosmos) in die eigene Welt (idios kosmos) zu entfernen. Wunderländer sind Fluchtorte. Am Ende steht fast immer der Weg zurück ins Reale, und das heißt: ins Erwachsenenleben.

Ausgerechnet Tim Burton, von dem man die Verteidigung des Fantastischen erwarten darf, setzt auch seinem Film ein Ende auf, das den Traum im Nützlichen aufgehen lässt. Alices Abenteuer sind nur Bildungsprogramm für eine heranreifende Frau, übrig bleibt ein blauer Schmetterling und die Lektion „Glaub an deine Träume!“. Die Lektion wird sogleich ins Reale übersetzt: Alice entdeckt auf einer Karte die Handelsroute nach China und steigt in die Firma ihres verstorbenen Vaters ein.

Burtons Film muss sich nicht nur mit anderen Alice-Filmen messen, er ist auch ein Testfall für 3D. Die Filmindustrie erhofft sich davon ein Ende ihrer Krise, und nach dem Erfolg von James Camerons „Avatar“ soll das nächste Flaggschiff nun zeigen, ob der 3-D-Boom von Dauer ist. Doch die Frage ist weniger, ob „Alice“ an den Kassen erfolgreich sein wird, sondern ob außer Cameron andere Regisseure in der Lage sind, kreativ Funken aus der neuen Technik zu schlagen.

Ein komplizierter Prozess: Da ist das Motion-Capture-Verfahren mit Schauspielern (Diedeldum und Diedeldei), reine Computer-Animation à la Pixar (der Drache, die Haselmaus), dazu Spezialeffekte wie der Riesenkopf der roten Königin, außerdem Perücken, Kostüme, Make-up. All das muss ins Unterland eingelassen und bruchlos miteinander verbunden werden. Effektmeister Ken Ralston („Star Wars“, „Forrest Gump“) löst die Grenze zwischen Schauspielern und Trickfiguren auf.

In Sachen 3D allerdings kann „Alice“ mit „Avatar“ nicht konkurrieren. James Cameron drehte seinen Film tatsächlich in 3D, Burton fügt die dritte Dimension nur wie einen Effekt hinzu. Cameron nutzte die Technik als Gestaltungsmittel , Burton nur zur Retusche. Sein Unterland wirkt eng und gedrückt. So wollte Burton es zwar schon immer: Selbst offene Natur wirkt in seinen Filmen wie der geschlossene Raum in den Studio-Produktionen des alten Hollywood. Aber auch in solchen Räumen ließe sich einiges zaubern, wenn die Raumtiefe zur Manipulation freigegeben ist.

Vielleicht war Burton zu sehr damit beschäftigt, seinen Film auszustatten. Er hat viel Burtoneskes eingebracht, sein Faible für Gothic Horror und Groteske etwa, oder seine Interpretation der weißen Königin (angelehnt an Englands Fernsehköchin Nigella Lawson): Sie hat genauso einen Schlag weg wie ihre tyrannische Schwester. Überhaupt gibt es viele Details, an denen man sich erfreuen kann. Aber sie sind nur Zutaten für das große Disney-Burton-Maché; was fehlt, sind Herz, Poesie und Leidenschaft, wie man sie aus seinen frühen Filmen kennt.

Stattdessen rauscht der Film an seinen unverzichtbaren Motiven schnellstmöglich vorbei, damit endlich der Drache sein Haupt recken kann. Da ist kein Innehalten, kein Geheimnis, nicht einmal der Versuch, einem Charakter, einem Moment, einem Satz oder einer Tat ein wenig Gewicht zu verleihen. Man denke nur an Filme, die sich das Alice-Motiv zuletzt zu eigen machten: die hinreißende „Coraline“ etwa von Henry Selick (der einst Burtons „Nightmare before Christmas“ animierte) oder Guillermo de Toros dunkel leuchtendes Märchen „Pan’s Labyrinth“. Was für ein Unterschied.

Tim Burton ist keineswegs gescheitert. Im Gegenteil: Er stellt sich in den Dienst von Disney und liefert auf Bestellung (darunter selbstverständlich auch ein sprechender Hund mit Familie). Leider belässt er es weitgehend dabei. „Alice im Wunderland“ ist zwar kurzweilig und komisch, manchmal sogar berauschend, und die Rollen sind ausgezeichnet besetzt. Vor allem die rote Königin, gespielt von Burtons Lebensgefährtin Helena Bonham Carter, ist sehenswert, ebenso die süffisante Grinsekatze (gesprochen von Stephen Fry) und Orakel-Raupe (Alan Rickman). Aber was hätte Tim Burton, einer der großen visuellen Künstler des Kinos, aus diesem herrlichen Stoff nicht alles zaubern können?

Der Fantast ist zur Marke geworden, ein Ausstatter unter Niveau – ähnlich wie ein anderer Fantast, der es auch mal mit Disney probierte: Salvador Dali. 2003 verwandelte Disney erstmals ein Fahrgeschäft aus seinen Parks in einen Film („Fluch der Karibik“). „Alice“ macht es umgekehrt: Man bedient sich an Carrolls reichhaltiger Figurentafel, verwandelt sie in eine filmische Jahrmarktsattraktion – und ab geht’s durch den Erlebnispark. Im Schweinsgalopp.

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