Allan-Ginsberg-Hommage : Howl - Das Geheul: Prosa statt Poesie

Die Hommage an Allan Ginsberg, "Howl – Das Geheul", suggeriert eine Eindeutigkeit, die das Gedicht gerade nicht besitzt. Auch seine Härte geht in brav-beschaulichen Farbspielereien verloren.

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Foto: pandora
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„Man kann Poesie nicht in Prosa übersetzen“, sagt ein Zeuge im Prozess wegen Obszönität gegen den Verleger von Allen Ginsbergs Langgedicht „Howl“. Dass die Regisseure Rob Epstein und Jeffrey Friedman genau dieses Zitat in ihren nach dem Gedicht benannten Spielfilm einbauen, kann man als Zeichen für ausgeprägtes Selbstbewusstsein deuten – oder auch als Eigentor. Drängt sich doch damit die Frage, ob ein Gedicht in einen Film übersetzt werden kann, noch mächtiger auf als ohnehin schon. Das Werk des oscarprämierten Duos, das bisher ausschließlich Dokumentarfilme („The Celluloid Closet“) gedreht hat, wirbt jedenfalls kaum für das schwierige Genre der Gedicht- Verfilmung.

An James Franco, der den jungen Ginsberg verkörpert, liegt das nicht. Mitreißend, kraftvoll und mit gutem Gespür für Betonung trägt er in der schwarz-weißen Eröffnungsszene den berühmten Beginn von „Howl“ in einer Kellerbar vor. Immer wieder kehrt der Film zu diesem Schlüsselmoment der Beat-Generation zurück, was als Visualisierung völlig ausgereicht hätte. Doch Epstein und Friedman trauen der Macht des Wortes offenbar nicht und legen immer wieder knallbunte Animationen über den Text. Diese von Eric Dookers entworfenen Sequenzen illustrieren die Verse in einer zwischen Kitsch und banaler Affirmation oszillierenden Weise. Geht es um Jazz, ist ein Saxofon zu sehen, dem sich glitzernde Strahlen entwinden. Der Moloch wird als riesiges Hochhaus mit einem finsteren, rotäugigen Stierkopf dargestellt. Das suggeriert eine Eindeutigkeit, die das Gedicht gerade nicht besitzt. Auch seine Härte geht verloren in diesen brav-beschaulichen Farbspielereien.

Überzeugender sind die Gerichtsszenen gelungen, die den „Howl“-Prozess von 1957 nachzeichnen. „Mad Men“- Hauptdarsteller Jon Hamm als Verteidiger liefert sich ein elegant-schneidiges Duell mit David Strathairn als Staatsanwalt, der das Werk als literarisch wertlos und sittenwidrig brandmarkt. Seine Zeugenbefragungen sind von einer stockspießigen Moral geleitet, die durch die konservative Tea-Party-Bewegung derzeit in den USA gerade eine Neuauflage feiert. Vor diesem Hintergrund bekommt das leidenschaftlich-liberale Schlussplädoyer der Verteidigung auch eine aktuelle Relevanz.

Neben der Aufarbeitung des Prozesses und der Umsetzung des Gedichtes jonglieren Epstein und Friedman „Howl“ noch mit einer biografischen Ebene – und mit einem nachgestellten Interview, in dem ein etwas älterer Ginsberg erklärt, wie das damals war, als eine Gruppe wilder Dichter die Konventionen des Schreibens und Lebens durcheinanderbrachte. Allerdings finden die Regisseure – anders als Franco bei seiner Rezitation – für dieses Wechselspiel keinen Rhythmus. Sprunghaft und willkürlich wirken die Rückblenden. Prägende Erfahrungen wie etwa Ginsbergs Zeit in der Psychiatrie bleiben ebenso im Ungefähren wie viele seiner Wegbegleiter.

Vielleicht wäre ein biografischer Film die bessere Wahl gewesen oder gleich eine Dokumentation. So bleibt „Howl“ nur relativ unbefriedigendes Patchwork, das bestenfalls Lust darauf macht, das epochale Gedicht noch einmal selbst nachzulesen. Und dabei eigene Kopf-Bilder zu produzieren.

Babylon Kreuzberg (OmU), Central Hackescher Markt (OmU), Filmtheater am Friedrichshain, Moviemento, Broadway

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