''American Gangster'' : Schwarze Spiegel

Der Böse ist der Gute ist der Böse: Ridley Scotts faszinierendes Genrestück „American Gangster“ zeigt Denzel Washington und Russell Crowe auf der Höhe ihres Könnens.

Julian Hanich
American Gangster Foto: Universal
Denzel Washington (l.) als ordnungsliebender Gangster und Russel Crowe als derangierter Cop. -Foto: Universal

Harlem, Anfang der siebziger Jahre: Großgangster Frank Lucas (Denzel Washington) versammelt in seinem Stammrestaurant die Familie um sich. Brüder und Cousins sollen eingeschworen werden auf das Leben in der Kriminalität. Da sieht Lucas einen Rivalen die Straße entlangkommen. Steht auf, geht hinaus, spricht ihn an – und jagt ihm eine Kugel in den Kopf. Während die Passanten sich panisch in alle Richtungen retten, kehrt Lucas zur Verwandtschaft zurück. Und fragt: „Wo war ich stehen geblieben?“

Familie und Öffentlichkeit, Recht und Illegalität, Ordnung und Chaos: Diese Gegensatzpaare prägen, in dieser prägnanten Szene verdichtet, den ganzen Film. Und Regisseur Ridley Scott lässt sie mit solcher Wucht aufeinanderprallen, wie man sich es sich von amerikanischem Erzählkino nur wünschen kann.

Anders als das klassische Hollywood, das die Rollen von Gut und Böse wegen der Selbstzensur des production code noch klar verteilte, liebt der moderne Gangster- und Polizeifilm das Spiel mit komplexen Spiegelungen und Symmetrien. In Michael Manns „Heat“ mögen sich Robert De Niro und Al Pacino in ihrer Profession unterscheiden, nicht jedoch in ihrer egomanischen, eiskalten Professionalität. In Martin Scorseses „The Departed“ arbeiten Copgangster Leonardo DiCaprio und Gangstercop Matt Damon für ein jeweils anderes Lager, als sie vorgeben – und verlieben sich prompt in dieselbe Frau. Ridley Scott und sein Drehbuchautor Steven Zaillian nun verzerren in „American Gangster“ das Gut-Böse-Schema, indem sie die Kontrahenten genau spiegelverkehrt anlegen. Hier der schwarze Gangster Frank Lucas, der sein Familienleben in harmonischer Ordnung organisiert und gleichzeitig die Welt da draußen rücksichtslos ins kriminelle Chaos stürzt. Dort der jüdische Polizist Richie Roberts (Russell Crowe): Seine Familie ist zerrüttet, aber die Reste von Recht und Ordnung will er retten – zur Not mit Gewalt.

Auch wenn sich Lucas gerne wie der Robin Hood von Harlem aufspielt und Brot an die Armen verteilt, schert er sich einen Dreck um die versifften, verreckenden Ghetto-Junkies. Eisern machiavellistisch zieht er sein Drogenimperium auf, indem er die moralische Verrohung des Vietnamkrieges für den Heroinimport nutzt. Dabei kommen ihm nicht nur südostasiatische Pflanzer, sondern auch korrupte US-Militärs und New Yorker Polizisten entgegen. Mit protestantischer Arbeitsethik und ganz im Geiste des Kapitalismus organisiert Frank eine Bewusstseinsindustrie, vor der sogar die Mafia in die Knie geht. Zu Hause aber ist er der treue Ehemann und Bilderbuchsohn, der seiner verarmten Mutter ein Leben in Pracht ermöglicht.

Richie dagegen ist in einen Sorgerechtsstreit mit seiner Ex-Frau verwickelt. Das liegt daran, dass er alles vögelt, was bei drei keinen Keuschheitsgürtel umgeschnallt hat, hat aber vor allem damit zu tun, dass er die öffentliche Unordnung mit solcher Inbrunst wieder in geordnete Bahnen lenken will, dass dabei sein vernachlässigtes Familienleben mit Karacho entgleist. Wer ist hier der good guy und wer der bad boy? Nicht zuletzt, weil sich Denzel Washington und Russell Crowe auf der Höhe ihres Könnens bewegen, darf der Zuschauer mit schauderndem Vergnügen 157 Minuten lang im Sortiment der Persönlichkeitsentwürfe wühlen: von heroisch aufrichtig bis faszinierend niederträchtig, von ergreifend fürsorglich bis beeindruckend unabhängig, von bewundernswert altruistisch bis schillernd selbstverliebt. Allein das macht den Film zum Erlebnis.

Dazu kommt die Detailgenauigkeit, mit der Scott diese wahre Geschichte erzählt, basierend auf einem Artikel aus dem „New York Magazine“. Das ranzig-verfallene, aber glittrig-glamouröse New York der siebziger Jahre – bekannt aus „The French Connection“, „Serpico“ oder „Cruising“ – ersteht vor unseren Augen wieder auf. Und man ahnt, warum es neben Richie Roberts noch eines viel härteren Hunds bedurfte, der in dieser Stadt für law and order sorgte: Rudy Giuliani, demnächst vielleicht Präsidentschaftskandidat der Republikaner.

In 21 Berliner Kinos; Originalfassung im Cinestar Sony-Center

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