Kino : Angst ist ein schleichendes Gift

Christina Tilmann

Wie sich die Szenen ähneln, auf beiden Seiten. „Bleib nicht zu lange weg“, bittet Søs (Anette Støvelbaek) ihre sechzehnjährige Tochter Mie: „Musst du denn jeden Abend weggehen?“ Und zu deren Freund Shadi: „Bring sie mir gut wieder nach Hause, hörst du?“ Auch bei Shadis Eltern Besorgnis: „Was machst du eigentlich immer so spät auf der Straße?“, sorgt sich Umm (Rose Copty). „Du erzählst mir ja überhaupt nichts mehr.“

Kein großer Unterschied also zwischen der dänischen Sozialarbeiterin Søs und der palästinensischen Immigrantin Umm Tareq. Man lebt seit Jahren in einem Neubauviertel in Kopenhagen und sorgt sich um den Nachwuchs, der sich Abend für Abend auf der Straße herumtreibt. Auch die Kids leben so verschieden nicht: schwänzen die Schule, hängen in den Grünanlagen ab und erzählen zu Hause längst nicht mehr alles, was sie tun. Scheint, als ob das dänische Sozialexperiment, das Architekten im Doku-Vorspann des Films euphorisch beschwören, geglückt sei: Wohnungen mit viel Licht und Sonne, keine Ghettos für Fremde und sozial Schwache. Sicher, noch läuft nicht alles rund, die Liebesgeschichte zwischen Shadi und Mie hat immer noch etwas von Romeo und Julia, und zu Hause kann Shadi seine dänische Freundin nicht präsentieren. Aber Ängste, Vorurteile, Aggressionen – die scheint es im friedlichen Kopenhagen nicht zu geben.

So weit der Traum. Doch dann kam der 11. September 2001, der Streit um die islamfeindlichen Karikaturen in dänischen Zeitungen, vor den Konsulaten im Nahen Osten brannten dänische Flaggen, und in Dänemark breitete sich Angst aus. Eine diffuse Angst vor dem „Fremden“, gemischt aus Vorurteil und Ressentiment. Annette K. Olesens dritter Film „Eins zu eins“ zeigt diese Angst. Und eben gegen diese Angst hat die engagierte Regisseurin, die nach dem Karikaturenstreit eine Demonstration in Kopenhagen organisierte, um für einen zivilisierten Dialog zu plädieren, ihren Film gerichtet. Doch viel Hoffnung macht sie nicht.

Angst ist ein schleichendes Gift, und unsere Liberalität immunisiert offenbar schlecht, so Olesens Diagnose. Die gutmütige Großmutter Bonnie (Helle Hertz), die vom Land zu Besuch kommt, ist längst infiziert. „Der ist ja nett“, sagt sie anfangs höflich, als Enkelin Mie ihren Freund Shadi (Mohammed-Ali Bakier) vorstellt. Schnell brechen beim ersten Konflikt die Vorurteile durch: „Lernt erst einmal, euch zu benehmen, bevor ihr hierherkommt“, herrscht sie den in Dänemark geborenen Palästinenser an, droht: „Ich rufe die Polizei.“ Auch Mutter Søs, die als Sozialarbeiterin tagtäglich mit Immigranten zu tun hat und aus Überzeugung in dem gemischten Quartier lebt, bekommt Zweifel. „Soll ich doch wegziehen, in ein sichereres Viertel?“ Und schließlich wird selbst Mie angesteckt: „Du hilfst mir nicht“, beschuldigt sie ihren Freund. „Du verschweigst mir was.“

Wie schnell aus einem „Du“ das „Ihr“ wird. „Es ist gefährlich, Menschen in Gruppen einzuteilen“, warnt die Regisseurin in ihrem bitteren Film, der der offenen Gesellschaft kaum eine Chance gibt. Misstrauen, einmal gesät, vernebelt den Blick, und schon geht es nur noch darum, ob einer „Neger“ ist oder „Weißer“. Mies durchaus rassistischer Bruder Per wird nachts zusammengeschlagen, und Shadis latent gewalttätiger Bruder Tareq wird verdächtigt. Die Spirale der Gewalt, die sich anschließt, friert Olesen zum Abspann in Standbildern ein.

Blow Up, fsk

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