Angstfantasie : Lieben, verlieren, hassen

Terry Georges Film-Drama "Ein einziger Augenblick".

Martin Schwickert

Eine der vornehmsten Aufgaben des Kinos ist das Herstellen von Empathie. Im sicheren, dunklen Raum können wir Orte aufsuchen, an denen wir noch nicht gewesen sind, Personen kennenlernen, mit denen wir nie zusammenkommen werden, mit ihnen Situationen erleben, die jenseits unseres Horizontes liegen.

Für jeden, der ein Kind hat, ist die Vorstellung, es durch einen Unfall zu verlieren, eine der grausamsten Angstfantasien. Terry George („Hotel Ruanda“) schildert in „Ein einziger Augenblick“ dieses Verlustszenario aus gleich zwei Perspektiven: der Sicht der Eltern, deren elfjähriger Sohn am Straßenrand von einem vorbeirasenden Auto erfasst wird – und der des Täters, der nach kurzem Zögern Fahrerflucht begeht.

Äußerst eng werden die beiden Erzählstränge im Mikrokosmos einer amerikanischen Kleinstadt miteinander verbunden. Während Dwight (Mark Ruffalo), der selbst einen Sohn im Alter des verstorbenen Kindes hat, allein mit seinen Schuldgefühlen ringt, lebt sich das Elternpaar unweigerlich auseinander.

Wie besessen steigert sich Ethan (Joaquin Phoenix) in die kriminalistische Suche nach dem flüchtigen Täter – in der Hoffnung, dass dessen Verurteilung den Schmerz des Verlustes lindert. Dabei entfernt er sich immer weiter von seiner Frau (Jennifer Connelly), die sich dem Gefühl der Trauer ohne den Umweg der Schuldzuweisung stellt. Um die polizeilichen Ermittler unter Druck zu setzen, beauftragt Ethan ausgerechnet Dwights Anwaltskanzlei mit der juristischen Betreuung des Falls. Der wiederum ist seit seiner Scheidung völlig außer Tritt und versucht, die eigenen Schuldgefühle durch die Hinwendung zu seinem Sohn zu kompensieren.

Ein komplexes Geflecht von Schuld, Sühne und elterlicher Verantwortung entwirft Terry George in „Ein einziger Augenblick“. Trotzdem entwickelt der Film weder genug emotionale Kraft, um das Publikum produktiv zu erschüttern, noch jene analytische Schärfe, die zur gewinnbringenden Erforschung der gepeinigten Seelen nötig wäre. Zu mechanisch wirkt die Wandlung der Figuren: vom liebenden Vater zum besessenen Rächer und vom feigen Fahrerflüchtling zum verantwortungsbewussten Erziehungsberechtigten.

Dabei spielen Joaquin Phoenix und Mark Ruffalo ihre Charaktere sehr differenziert aus. Nur werden ihre Figuren so stark vom Drehbuchkonzept bevormundet, dass sie sich in ihrer Widersprüchlichkeit kaum entfalten könnten. Wie schon in Susanne Biers seelenverwandtem Hollywood-Debüt „Things We Lost In the Fire“ steht auch hier die dramaturgische Konstruktion einer freien Erkundung der Gefühlswelten von Verlust und Trauer im Wege.

Kulturbrauerei, Moviemento, Kant; OV im Cinestar SonyCenter, OmU in den Hackeschen Höfen

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben