Anthony Hopkins : Der Feinschmecker

Kultiviertheit des Bösen: Dem großen Schauspieler Anthony Hopkins zum 70. Geburtstag.

Christiane Peitz
Hopkins
Romantischer Minimalist. Hopkins in "Was vom Tage übrig blieb". -Foto: Cinetext

Der reine Horror. Straffe Haut, stählerner Blick, kein Wimpernschlag, nie. Die Stimme: ein körperloser Singsang, entseelte Freundlichkeit. Die Diktion des Psychopathen Hannibal Lecter hatte Anthony Hopkins dem Computer Hal in Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ abgelauscht. Sein Kannibale in Jonathan Demmes Thriller „Das Schweigen der Lämmer“ (1991) verkörperte nicht die Banalität, sondern die Brillanz und Kultiviertheit des Bösen. Der Menschenfresser, ein Feinschmecker.

Seit Hannibal the Cannibal ist Anthony Hopkins berühmt. In frühen Jahren war der Bäckerssohn aus dem walisischen Port Talbot vor allem berüchtigt. Wegen seines Jähzorns, der Trunksucht (bis er 1975 den Anonymen Alkoholikern beitrat), der notorischen InterviewAbneigung und seiner ShakespeareTiraden. Anfang der Siebziger war er der Star am Londoner National Theatre und hatte das Zeug, Laurence Olivier als Chef zu beerben. Aber er rannte lieber mitten im „Macbeth“ von der Bühne und kehrte nie mehr zurück. Sein vielzitiertes Motto: „Ich mag Shakespeare nicht, ich hänge lieber in Malibu rum.“ Es sollte noch über 50 Filme dauern, bis er – für den Kannibalen – einen Oscar und viele weitere Preise erhielt für das, was er bloß Handwerk nennt. Fragen zur Schauspielkunst wehrt er ab: „Ich lerne meinen Text und halte meine Termine ein.“

Anthony Hopkins, der Stoiker, der Verschlossene. Auch wenn er neben Lecter im „Schweigen“ sowie den Sequels „Hannibal“ und „Red Dragon“ viele Machtmenschen gespielt hat, 100 Mal König Lear auf dem Theater und seit seinem Filmdebüt als Richard Löwenherz im Kino auch Berühmtheiten wie Hitler, Nixon, Rabin, Picasso, Zorro und demnächst (mit Dreh in Sachsen-Anhalt!) Leo Tolstoi: Die Gefühlskälte ist nur die halbe Wahrheit. Seine ergreifendsten Momente hat er in den Tragödien der leisen Töne, als Bourgeois in „Howard’s End“ (1992), als Butler in „Was vom Tage übrig blieb“ und als scheu verliebter Professor in „Shadowlands“ (beide 1993). Männer in den Fesseln der Konvention, die sich ebenfalls ihre Gefühle versagen, sie aber im Zögern, im Stocken, in der gezügelten Geste, der sekundenkurz aufflackernden Emotion, eben doch aufscheinen lassen. Hopkins, der Romantiker, der Minimalist.

Seine früheste Erinnerung: ein böses Gesicht, das sich über den Kinderwagen beugt. Längst ist Anthony Hopkins die dunklen Heimsuchungen los, lebt im sonnigen Kalifornien, unterrichtet Studenten, komponiert am Klavier und fährt gern stundenlang Auto. Heute feiert er seinen 70. Geburtstag.

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