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Hunde werden zu Hyänen

Der Ort, der keinen Namen hat: Fernando Meirelles verfilmt Saramagos „Stadt der Blinden“
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Ein Mann steckt im Großstadtverkehr fest und wartet vor der roten Ampel. Als das Signal auf Grün umspringt, versagen ihm seine Augen plötzlich den Dienst. Von nun lebt er in einer überbelichteten Welt in Weiß – als würde er durch ein Meer aus Milch tauchen. Bald ist er nicht mehr allein mit dieser Krankheit. Die Blindheit wütet wie die Pest. Als hätte Medusa die Stadt verflucht, steckt sich an, wer einem Infizierten in die Augen blickt. Ein Betrüger. Eine Prostituierte. Ein Barkeeper. Ein Arzt. Alle vom Virus erfasst. Alle blind. Nur die Frau des Arztes (Julianne Moore) scheint immun. Das wird sich als Vorteil erweisen. Denn die Regierung fackelt nicht lange. Sie ruft den Ausnahmezustand aus. Die Blinden werden zusammengetrieben und in einer ehemaligen Irrenanstalt in Quarantäne gesteckt.

„Die Stadt der Blinden“ spielt in einer multikulturellen Megalopolis, die sich aus Fragmenten der Städte Toronto, São Paolo und Montevideo zusammensetzt. Mit diesem Einfall einer zusammengestückelten Großstadt ohne Namen verstärkt Regisseur Fernando Meirelles noch, was in der Romanvorlage des portugiesischen Nobelpreisträgers José Saramago angelegt ist: ein Lamento über die mitmenschliche Distanz in der globalisierten Welt. Deshalb ist es entscheidend, dass ausgerechnet der Blick die Krankheit überträgt. Wo Berührung und Nähe längst abhandengekommen sind, kann sich eine Epidemie nur über den Distanzsinn verbreiten. Das Erblinden darf man dabei wörtlich nehmen: Sollten wir weiter mit Blindheit gegenüber dem Nächsten geschlagen sein, droht der Verlust der Zivilisation.

Wie in allen postapokalyptischen Szenarien geht es auch in „Die Stadt der Blinden“ um die Frage nach dem Fortbestand von Gemeinschaft – und die Antwort fällt düster aus. Das Menscheitskollektiv zerbröckelt und teilt sich in Herrscher und Geknechtete. Angst vor Fremden grassiert. Die moderne Menschheit wird zurückgeworfen auf den Zustand tierischer Horden. Selbst Hunde mutieren zu leichenfleddernden Hyänen.

Mit „City of God“ (2002) und „Der ewige Gärtner“ (2005) hatte Fernando Meirelles den Zuschauer heftig durchgeschüttelt. Ausgerechnet seiner hochmoralischen Parabel über den Verlust von Gefühlsnähe aber fehlt es an Überzeugungskraft. Erst in der zweiten Hälfte entwickelt der Film einen größeren Drive. Woher kommt diese emotionale Distanz? Zum einen werden die Figuren zu sehr in den Dienst der Parabel genommen und gewinnen nur wenige Konturen. Daran ändert auch die internationale Starbesetzung nichts, die von Julianne Moore, Mark Ruffalo, Gael García Bernal bis Danny Glover und Alice Braga reicht. Zum anderen unterminiert Meirelles sein inhaltliches Anliegen mit dem Versuch, das Blindheitsthema auch formal zu fassen. Die entfärbte Welt des Films ist für den Blick des Zuschauers oft schwer zu durchdringen. Die Räume sind vollgestellt und zugemüllt. Fensterscheiben, Gitter und Türrahmen versperren die Sicht. Durch Spiegelungen und flackernde Monitore erhalten die Bilder eine zusätzliche Ebene, die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Dazu arbeitet Meirelles häufig mit Weißblenden und lässt die Bilder in Unschärfe verschwimmen.

Das Kino ist eigentlich ein perfekter Ort, um sich Gedanken über Sehen und Nichtsehen zu machen. Doch wenn sich die Form zu sehr in den Vordergrund drängt, schiebt sie den Inhalt auf Distanz. Anders gesagt: Der Film wird prätentiös und der Zuschauer infiziert sich mit einer fatalen Kinokrankheit. Man nennt sie auch: Gleichgültigkeit.

In 7 Berliner Kinos, OmU im Cinestar Sony-Center



(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 23.10.2008)
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