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POSSESSION von Andrzej Zulawski

Berlin ist Beton, grau, kalt und feindselig in Andrzej Zulawskis „Possession“ von 1981. Die Straßen sind menschenleer, von den Wänden bröckelt der Putz, ein Graffito fordert: Die Mauer muss weg. Sam Neill und Isabelle Adjani blicken als Mark und Anna von ihrer Wohnung aus auf die Grenzsoldaten, die mit ihren Feldstechern den Westen observieren. Die Beziehung der beiden ist ein Trümmerhaufen, sie streiten um den gemeinsamen Sohn. Anna hat einen neuen Liebhaber namens Heinrich, der von sexueller Perfektion und Göttlichkeit redet und dabei wie ein Psychopath wirkt. Doch es muss noch einen dritten Mann geben. Mark beauftragt einen Privatdetektiv, der seine Ermittlungen mit dem Leben bezahlt. Was zu Beginn noch eine erklärbare Handlung ist, löst sich immer mehr ins Surreale. Doppelgänger tauchen auf, Monster werden geboren – ein böser Trip aus Demütigung, Gewalt und Verzweiflung. „Possession“ ist ein Beziehungsdrama, aber Genre-Zuschreibungen bringen nicht weiter. Die Qualen einer Trennung sind voller Drastik und Irrationalität nach außen getragen, werden visualisiert von einer unsteten Kamera, die keinen Halt zulässt – langsam driftet alles in den Wahnsinn. In die Kinos kam der Film bei uns nie, in England galt er als „Nasty Movie“, in den Staaten wurde er zurechtgeschnitten auf Verträglichkeit. Und dabei ist „Possession“, ungeschnitten erschienen in einer wunderbaren Ausgabe bei Bildstörung, tatsächlich ein Meisterwerk des vergessenen Films, nervenaufreibend, faszinierend, einzigartig.



DAS GRAB DER SONNE von Nagisa Oshima

Kamagasaki, das größte Slum Japans, ist Zentrum von Nagisa Oshimas Milieustudie „Das Grab der Sonne“ von 1960, die den Auftakt der DVD-Reihe „Japanische Meisterregisseure“ bei Polyfilm bildet. Oshima wurde später durch seinen Skandalfilm „Im Reich der Sinne“ (1976) weltberühmt, der heute als ein Meisterwerk des erotischen Kinos gilt. „Das Grab der Sonne“ ist ein Film der japanischen Nouvelle Vague, der Kritik an herrschenden Zuständen übt und dabei mit Genre-Versatzstücken spielt. Der Film zeigt Gesichter in Nahaufnahme, schweißbedeckt, dreckig und müde und erinnert, auch durch den GitarrenSoundtrack, fast an einen Western. In dokumentarischem Duktus wird die Geschichte mehrerer Bewohner der Slums erzählt, die vom wirtschaftlichen Aufschwung Japans in den fünfziger Jahren nichts abbekommen haben. Brutale Verteilungskämpfe bestimmen das Leben, organisierte Gangs morden und erpressen. Die Menschen halten sich mit Prostitution und Zuhälterei über Wasser. Die Prostituierte Hanako organisiert auf eigene Faust einen illegalen Handel mit Blut. Takeshi, ein Gang-Mitglied, verliebt sich in sie und erregt den Zorn des Anführers, der sich im lässigen Belmondo-Stil inszeniert. Wer sich der Gang widersetzt, riskiert sein Leben. „Das Grab der Sonne“ ist ein Zeitdokument, das noch heute durch seine Direktheit und seine eigenartige Bildsprache fasziniert. Die Farben sind melodramatisch grell, die Bilder wirken überhitzt und symbolschwanger. An ein Morgen glaubt hier niemand. Immer wieder sieht man die Sonne, das Symbol der japanischen Landesflagge, am Horizont untergehen. Karl Hafner



(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 03.12.2009)
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