Asia-Filmfest : Feuer, Erde, Schatten, Licht

Der Sommer ist gerettet: Das Filmkunst 66 zeigt 57 elementare Filme aus Japan, China, Indien, Thailand und Korea.

Sebastian Handke
Thai
Komm, wir reisen. Die junge Thai (Sinitta Boonyasak) in Pen-ek Ratanaruangs "Last Life in the Universe". -Foto: cinetext

Sie dominieren die Festivals, den Weg ins hiesige Filmtheater finden sie aber nur selten: die aufregenden, strengen, absurden, lyrischen, erfindungsreichen, politischen Filme des Fernen Ostens. Das Asia-Filmfest im Filmkunst 66 zeigt ab heute 57 Filme aus den letzten Jahren – auf der Leinwand, im Original, mit Untertiteln. Wo beginnen, bei der Fülle? Am besten damit, dass man die beiden Lieblinge des Festivalbetriebs diesmal meidet: Kim Ki-Duks („Bin-Jip“) „The Bow“ ist eine hübsch fotografierte, aber belanglose Simulation der eigenen Manierismen. Zhang Yimou („Hero“) schickt in „Riding along for Thousands of Miles“ einen Japaner durchs chinesische Yunnan: Dort pupsen die Kinder beim Kacken, und sogar Gefängniskommandanten haben gute Manieren und ein reines Herz. Yimou bestätigt mit diesem Propagandafilmchen, dass er sich mittlerweile offenbar als Staatsfilmer begreift.

Dann doch lieber etwas Neues. Es gibt die großen alten Filmnationen Indien, Japan und China, und es gibt Südkorea, das nun auch schon eine ganze Weile blüht. Thailand aber sorgte jüngst für besonderes Aufsehen. Wer es noch nicht erlebt hat, sollte sich unbedingt in Apichatpong Weerasethakuls unvergessliches, magisches Seh-Erlebnis „Tropical Malady“ versenken, oder in Pen-ek Ratanaruangs „Last Life in the Universe“: ein driftender Sommertagtraum, der einen lebensmüden japanischen Bibliothekar und eine Pot rauchende junge Thai in deren schäbigen Strandhaus zusammenbringt. Kamera-Zauberer Christopher Doyle („In the Mood for Love“) verschleiert die dunkle Ironie dieses Films mit hellen, exquisiten Bildern.

Überraschendes gibt es auch von jungen Japanern. Der Existenzialisten-Pop etwa des Werbefilmers Gen Sekiguchi: Sein Erstlingswerk „Survive Style“ ist eine ausgezeichnete Gelegenheit, sich in einem zweistündigen Farb- und Ausstattungschaos sämtliche Grellschattierungen des sichtbaren Spektrums auf die Augen knallen zu lassen. In fünf surrealen Episoden werden Menschen in Tokio aus ihren Wiederholungsmustern herausgerissen – ausgelöst jeweils durch einen britischen Killer, der für seine Opfer eine letzte drängende Frage hat: „What is your function in life?“

Menschen im Laufrad – ein häufig wiederkehrendes Motiv im japanischen Kino der letzten Jahre. In den Filmen Sabus rennen, irren, flüchten die Städter durch fiese kleine Anordnungen, die sich der unbarmherzige Konstrukteur für sie ausgedacht hat: Er lässt sie durch die Stadt treiben, von einem Todgeweihten zum nächsten („Blessing Bell“), oder durch ein Gedächtnis, das besser verlorenen geblieben wäre („Monday“). Böse und gute Zufälle verketten sich nach teils absurder, aber strenger Fortspinnungslogik, und wenn in „Drive“ drei Gangster ausgerechnet das Auto eines überkorrekten Angestellten (samt Fahrer) kapern, kehrt sich die klassische Autojagd ins Gegenteil: Am Ende findet jeder dorthin zurück, wo er längst hätten sein sollen.

Wie man den Genre-Konventionen mit Erfindungsreichtum und formaler Rigorosität überraschende Resultate aufzwingt, zeigt Johnnie To in seinen Hongkong-Filmen. Einst ein namenloser Lieferant durchschnittlicher Massenware, wurde To in den Neunzigern zum Genre-Autorenfilmer – eine Entwicklung, die nicht ungewöhnlich ist in den Massenfilmindustrien Hongkongs und Japans. Das Asia-Filmfest zeigt Tos Unterweltstudien „Election“ und „Election II“ sowie die großartige Fingerübung „PTU“: Mehrere Polizei-Einheiten und Gangsterfamilien treten sich darin im Laufe einer Nacht bei der Suche nach einer verlorenen gegangen Dienstwaffe gegenseitig auf die Füße. Langsam arbeiten die Grüppchen sich voran im Labyrinth Hongkong – eine Stadt bei Nacht, wie man sie noch nicht gesehen hat: grellweiße Spots in menschenleeren Straßen ergänzen sich mit dem Neonhalbdunkel der Fassaden zu einer kontrastreichen, bühnenähnlichen Unwirklichkeit. Nicht unbedingt ein Film fürs Charakterfach, aber sehr sehenswert. Neben Tos Hongkong-Thrillern ist China vor allem mit Festival-Erprobtem vertreten: „Tuyas Hochzeit“ (Goldener Bär 2007), „Still Life“ (Goldener Löwe 2006), „Chicken Poets“ (Jurypreis Locarno 2003) sowie Tsai Ming-Liangs als taiwanesischer Melonen-Porno berüchtigte Entfremdungsmeditation „The Wayward Cloud“ (Silberner Bär 2005).

Wer sich nun allmählich von der Enge asiatischer Stadtschluchten bedrängt fühlt, kann sich Augen und Ohren öffnen lassen in der Abteilung Martial-Arts: großzügige Epen aus der Ming-Dynastie schaffen Raum für Panoramen und Kostüme, klirrende Schwerter und fliegende Chinesen. „Wächter über Himmel und Erde“ erzählt in einer herben, an amerikanische Western ebenso wie an Japans Altmeister Kurosawa erinnernden Legende von zwei feindlichen Kämpfern an der Seidenstraße, die sich zum Schutz einer buddhistischen Karawane gegen Dürre und Banditen verbünden müssen. Die Musik für „Wächter“ schrieb übrigens A. R. Rahman, der Großmeister indischer Filmmusik.

Acht Filme aus Indien wird das Filmfest zeigen, sechs davon hat Rahman mit seinen feinen, aus indischer Tradition schöpfenden Musik veredelt. Das ist kein Zufall: Die Auswahl beschränkt sich mit Filmen wie „Swades“, „Yuva“ und „Dil Se“ aufs gehobene Bollywood-Kino. Spektakulär vor allem der fast dreistündige „Dil Se“ mit Megastar Shahrukh Khan, der den ernsthaften Versuch wagt, das Thema Terrorismus mit Gesang und Tanz aufzubereiten. Nicht ganz so beschwingt, aber unbedingt sehenswert: Deepa Mehtas „Elemente“-Trilogie über drei Frauenschicksale in Indien vor dem Hintergrund seiner teils grotesken patriarchalen Regeln und dem Zerfall der multireligiösen Kultur nach 1947.

Die Frauen können nichts tun gegen ihren Schattenplatz im Leben, versuchen aber doch, ein wenig Glück darin für sich zu gewinnen. „Fire“, „Earth“ und „Water“ sind von einer erschütternden Zartheit, weil Deepa Mehta das Leid nicht nach außen kehrt, sondern in geradezu heiterer Atmosphäre und betörend schönen Bildern aufgehen lässt, als wolle sie ihre Figuren in Schutz nehmen – vor dem, was kommt, und vielleicht auch vor dem Blick des Zuschauers. So schwer kann einem das Schöne werden.

Filmkunst 66, bis 8. August. Programmdetails unter www.filmkunst66.de

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