"Auge in Auge" : Das Land, das Heimat heißt

Michael Althens und Hans Helmut Prinzlers drehen mit "Auge in Auge" eine Liebeserklärung an den deutschen Film.

Christina Tilmann
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Szene aus "Rote Sonne" als Sinnbild für Freiheit. -Foto: Zorro

Auge in Auge. Schließ die Augen und hör die Stimmen. Hildegard Knef. Romy Schneider. Anne-Kathrin Bürger. Und lass die Gesichter vorm inneren Auge vorbeiziehen. Gesichter und Filme.

Öffne die Augen wieder und sieh sie vorbeirauschen. Gesichter und Blicke. Die Blicke der Frauen. Die Blicke der Männer. Was ist ein deutscher Blick? Scharf gestellt, wie eine Kamera, bei den Frauen. Etwas stier, gläsern bei den Männern. Bedeutungsschwer. Ein Silberblick.

Vertigo, der Sog in die Tiefen, in die Tiefen der deutschen Filmgeschichte. Ausgelöst haben ihn der Filmkritiker Michael Althen und der Filmhistoriker Hans Helmut Prinzler. „Auge in Auge“ heißt ihre Hommage an das deutsche Kino, 106 Minuten Filmschnipsel. Schnell geschnittene Motivketten zu Themen wie Telefon oder Rauchen, Berlin oder DDR, Küsse und Schreie, Frauen und Männer. Es ist zum Süchtigwerden.

Nicht genug, dass hier zwei Kenner am Werk sind, sie haben sich auch noch profunde Unterstützung geholt. Zehn Paten, die ihren Lieblingsfilm erklären, eine Lieblingsszene analysieren, Lektionen in exakter Filmbeschreibung, auch das. Man lernt mit Tom Tykwer das Fürchten, mit „Nosferatu“ von 1921 – und, warum es manchmal besser ist, den Fernseher nicht auszustellen, wenn die Angst kommt. Weil sie sich dann weiterfrisst, bis in die Träume. Oder man sieht mit Wolfgang Kohlhaase den deutschen Film tanzen lernen, bei „Menschen am Sonntag“: eine Szene wie eine Choreographie, da umkreisen sich zwei und gehen am Ende gemeinsam weg. Liebe ohne Worte.

Was Heimat ist, lernt man bei Caroline Link und Edgar Reitz’ „Heimat“-Serie: Blaubeerenpflücken im Wald, Ostereierfärben, und rote Nelken im schwarzweißen Himmel. Und Doris Dörrie erfährt bei Wim Wenders’ „Alice in den Städten“, wie man in Deutschland Filme machen kann, in diesem so langweiligen, erdenschweren Land, aus dem sie in die USA geflohen war, und nicht nur sie, sondern auch Wenders selbst. Und am allermeisten lernt man vielleicht, wenn Hanns Zischler über Alexander Kluges „Abschied von Gestern“ spricht, über dieses kalte Land, das die alte Bundesrepublik war, und Andreas Dresen über „Solo Sunny“ und das kleine Land, manchmal so liebenswürdig, oft zum Verzweifeln, das DDR hieß und nicht mehr ist.

Ja, Filmreise ist Lebensreise, Filmzeit ist Lebenszeit, erlebt und erinnert. Daher die schöne Emotionalität, die diesen Film grundiert, die die Geschichte so lebendig macht. „Es ist nicht wichtig, was die Welt sieht, sondern was wir gesehen haben“, sagt Michael Althens sonore Stimme zum Schluss. Da möchte man am liebsten noch einmal zurückspulen auf Anfang, zum Prolog, dieser einzigartigen Litanei aus Einzelmomenten, mit denen der Film begonnen hat. „Das deutsche Kino, was ist das eigentlich? Es ist eine widerspenstige Haarlocke, ein bisschen Puderstaub und eine Rose im Meeresschaum...“

Oder, noch besser, einen Monat Urlaub nehmen. Und den ganzen Tag Filme sehen.

Cinema Paris, Filmtheater am Friedrichshain, Neues Off

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