Australia : Jenseits von Faraway

„Australia“ mit Nicole Kidman und Hugh Jackman knüpft feierlich an die großen Epen der Filmgeschichte an.

Jan Schulz-Ojala
Themendienst Kino: Australia
Lady rennt. Nicole Kidman in "Australia".Foto: Twentieth Century Fox/ddp

Ein Schmachtfetzen, und was für einer. Altmodisch, und wie. Und überhaupt zwei, drei, vier Filme in einem – nein: fünf, sechs, sieben. Geht eigentlich gar nicht, ist eigentlich viel zu viel. Aber da der Mensch und also auch der Filmegucker in Jahresendfeierlaune stets zum Vielfraß mutiert, warum soll er sich nicht so eine acht-, nein: zehnstöckige cineastische Monstertorte reintun?

Andererseits: Mehr als eine solche Kinokalorienbombe zum Fest ist kaum bekömmlich, und so müssen sich die Bilderhungrigen dieses Jahr schweren Magens entscheiden. Rein in 151 Minuten „Buddenbrooks“ – oder darf’s mit 166 Minuten „Australia“ noch ein Viertelstündchen mehr sein? Für den dienstlichen Vorkoster ist die Sache wintersonnenklar: Wer schon immer eher nicht Thomas Mann lesen wollte, dem wird das Minimalrestbedürfnis in Heinrich Breloers „Buddenbrooks“ gründlich ausgetrieben. Und wer nach „Vom Winde verweht“ (1939) und „Jenseits von Afrika“ (1985) erneut die Sehnsucht nach liebeskranken Frauen auf großen Farmen in sich keimen spürt, muss schnurstracks nach „Australia“ reisen.

1939, irgendwo am Ende von Down Under: „Faraway Downs“ heißt die prächtige Rinderfarm, deren Eigentümer schon länger nicht mehr von sich hat hören lassen. Also macht sich seine schöne, etwas anämische Gattin Lady Sarah Ashley (Nicole Kidman) aus dem kühlen England auf, um die ehelichen Bande wieder enger zu knüpfen – und trifft zu diesem Zweck mit elf, zwölf oder auch dreizehn Überseekoffern im fernen Süden ein. Doch ach, der Mann ist tot, ermordet von seinem bösen Verwalter Fletcher (David Wenham), der auch Fliegen mit ein bisschen Garn gern was zuleide tut – am liebsten letal. Schon muss Sarah die Geschäfte selber in die Hand nehmen.

Behilflich dabei sind ihr der mürrische Viehtreiber Drover (Hugh Jackman) , der sein Herz sowie ein im Lagerfeuerlicht dekorativ schimmerndes Sixpack am rechten Fleck hat, und der hübsche Junge namens Nullah (Brandon Walters). Dessen Mutter ist eine Aborigine-Magd und der Vater der brünftige Fletcher selber. Eine gefährliche Herkunft: Solche Mischlingskinder pflegte der australische Staat noch bis Anfang der Siebziger Jahre aus den Familien herauszureißen, um ihnen in christlichen Missionsinternaten jegliche indigene Identität auszutreiben.

Als Western mit Southeastern-Touch beginnt „Australia“ überwältigend: mit aufregenden Kamerafahrten, großartigen Totalen und jeder Menge untergründiger Spannung. Nun, wer keine Western mag, tauche umso genussvoller ins folgend anhebende Melodram zwischen Sarah und Drover mit Sonneruntergangsgroßaufnahmeküssen und allem Pipapo. Ach, auch kein Kitsch gefällig, nicht mal zu Weihnachten? Bitte, da wäre im letzten Drittel noch ein Kriegsfilm im Angebot, mit Luftangriffen der Japaner nebst mehrfacher Trennung und Wiedervereinigung der drei Hauptfiguren. Ja, drei: Denn „Misses Boss“ und der seelenvolle Cowboy haben den kleinen Nullah längst an Sohnes Statt angenommen.

Was dieser Patchwork-Family thematisch immerhin ein gewisses Etwas und ästhetisch die in ihrer lustvollen Übertreibung ureigensten Luhrmann-Szenen beschert, ist die allen genannten Genres unterfütterte Ethno-Geschichte. Nullah erzählt sie als Off-Erzählerchen selbst, von der ersten Beobachtung der fremden Lady Ashley – „She look but don’t see“ – bis zur Introspektion des eigenen, zwischen den Kulturen zerrissenen Schicksals: „Everybody happy except for me.“ Im magischen Verbund aber mit seinem Aborigine-Großvater, der auf einem Berg haust, vermag Nullah ganze Rinderherden vorm Sturz in einen Felsabgrund zu bewahren; und eben jener zottelige Schamane bewahrt das Kind auch vor dem Schlimmsten, als der Schmacht- zum Schlachtfetzen mutiert. Und so fort bis zum tränenseligen Ende.

Natürlich ist das too much – wenn auch diesmal eher quantitativ als qualitativ, wie in Luhrmanns so fantastisch erfindungsreichen früheren Filmen. In seinem Coffeetable Movie „Australia“ tischt er einfach bedenkenlos auf, was er aus der Filmgeschichte und überhaupt an filmischen Geschichten zu fassen kriegt: Liebe und Lüge, Küsse und Kanonen, Märchen und Magie. Und eine Moral, die das verstaubte Genre des Liebeskriegsnaturhistorienfilms schließlich doch in die Moderne katapultiert.

Denn im weißen Macho-Reservat des „Territory Hotel“ am Hafen, das man sich als ruppig geführten Aussie-Saloon vorstellen muss, hat eines Tages eine Frau Zutritt (die blässliche Sarah natürlich) und später sogar ein dunkelhäutiger Aborigine. Extreme Grenzverletzungen sind dies, die hier von der dumpfen Mehrheitsgesellschaft hingenommen werden – und dabei scheint die Erde zu beben wie unter vier-, nein: acht,- nein: zwölftausend Rinderhufen.

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