Auszeichnung : Wir sind Oscar

And the Oscar goes to ... Berlin: Der Kurzfilm "Spielzeugland" des Berliner Regisseurs Jochen Alexander Freydank ist mit dem begehrten Academy Award ausgezeichnet worden. Damit ist die Hauptstadt filmisch wieder auf Augenhöhe mit München.

Verena Friederike Hasel
Freydank
Strahlender Sieger: Der Berliner Regisseur Jochen Alexander Freydank gewinnt den Oscar für "Spielzeugland". -Foto: AFP

BerlinIn seiner Kindheit träumte er davon, eines Tages Filme für die Defa zu machen. Am Sonntag ist Jochen Freydank, 40 Jahre alt, an einem Ort angelangt, den seine damalige Erfolgs-Messlatte gar nicht vorgesehen hatte: Sein 14-minütiger Kurzfilm "Spielzeugland" ist mit einem Oscar ausgezeichnert worden. Für die Verleihung am Sonntagabend hatte sich der Regisseur noch schnell eine Stretch-Limousine gemietet, kleinstmögliches Modell, Kostenpunkt: 700 Dollar. Absurd, sagte Freydank, wenn man bedenke, dass er und seine Crew beim Dreh peinlich genau darauf geachtet hätten, alle den gleichen Handyanbieter zu haben, um ja ein bisschen Geld zu sparen. Doch ohne Limousine geht es nicht in LA, das hat ihm Florian Gallenberger noch mit auf den Weg gegeben.

Gallenbergers "Quiero ser" gewann vor acht Jahren den Kurzfilm-Oscar, eine Limousine hatte der Regisseur damals nicht gemietet, ein Taxi fand er auch nicht, weil alles abgesperrt war, und am Ende musste er per Anhalter fahren, auf dem Schoß seinen Oscar. So eng auf Tuchfühlung mit der Trophäe war vor Gallenberger lange kein Deutscher mehr gegangen. In den Neunzigern schien die Beziehung zwischen den Deutschen und Oscar eingeschlafen zu sein. Die große Ära der Autorenfilme war vorbei, und die Schenkelklopf-Komödien jener Zeit hatten nur in Deutschland Erfolg. Das änderte Gallenberger. 2003 folgte ihm Caroline Link, die mit "Nirgendwo in Afrika" den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film gewann. Die Deutschen waren wieder im Geschäft in Los Angeles - zumindest ein Teil von ihnen. Gallenberger und Link stammen aus München, haben an der dortigen Filmhochschule studiert, und auf Deutschlands Landkarte war somit klar verzeichnet, welche filmische Schätze es wo zu heben gab: Hochglanz, internationale Formate und Kommerz in München, randständige Milieustudien und filmische Experimente in Berlin.

Vier Medienboard-Produktionen waren nominiert

Doch inzwischen kann die Hauptstadt mehr. Dieses Jahr hatten sogar vier vom Medienboard Berlin-Brandenburg geförderte Filme Aussichten auf Trophäen - zum einen Großprojekte wie "Der Vorleser" und "Der Baader-Meinhof-Komplex", zum anderen der Low-Budget-Film "Spielzeugland" und das Arthouse-Projekt "Waltz with Bashir", nominiert als bester nicht-englischsprachiger Spielfilm und koproduziert von der Berliner Produktionsfirma Razorfilm.

Darüber freut sich auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Am Montagmorgen gratulierte er dem Gewinner "im Namen aller Berliner Filmfans und darüber hinaus aller Berlinerinnen und Berliner." "Vier Jahre hat Freydank an den 14 Minuten gearbeitet, die ihn jetzt zum Erfolg geführt haben. Es hat sich gelohnt", fügte Wowereit an. Lohnenswert war das Engagement auch für die staatlichen Filmförderer.

Stellt man sich die Möglichkeiten eines Films als Kontinuum vor, liegen "Spielzeugland" und "Waltz with Bashir" an zwei sehr weit voneinander entfernten Punkten. Freydank liefert klassisches Erzählkino, angesiedelt in Nazideutschland. Eine Mutter (Julia Jäger) will ihren Sohn vor der Wahrheit schützen, als die jüdischen Nachbarn abgeholt werden. Die Familie mache eine Reise ins Spielzeugland, sagt sie und ahnt nicht, dass diese Vorstellung so reizvoll auf ihren Sohn wirkt, dass er beschließt mitzufahren. Filmische Überraschungen birgt das Minidrama kaum, aber es funktioniert. Dass Freydank in Form und Inhalt nicht ausschert, mag auch daran liegen, dass er als Produzent der Fernsehserie "In aller Freundschaft" Erzählkonventionen gewohnt ist. Doch über die Serienarbeit will er nur ungern reden, ganz so, als schade kommerzieller Erfolg dem künstlerischen Ruf.

Genau diesen schwierigen Spagat haben die Razor Film-Produzenten Gerhard Meixner und Roman Paul geschafft. Ihr Name, sagt Paul, rühre daher, dass sie Filme machen wollten, die wie ein Schnitt durchs Auge seien, rasiermesserscharf und riskant. Diese vollmundige Ankündigung haben die Wahlberliner eingelöst: 2006 wurde der von ihnen kofinanzierte Film "Paradise Now" über zwei palästinensische Selbstmordattentäter für den Oscar nominiert. Mit "Waltz with Bashir" schicken sie nun den zweiten Film zum Nahostkonflikt ins Rennen. In einer animierten Spurensuche, einer nie dagewesenen filmischen Form, versucht der israelische Regisseur Ari Folman seine disparaten Erinnerungen an den blutigen Beirut-Krieg zusammenzufügen.

Das urdeutsche Trauma Holocaust

So unterschiedlich "Spielzeugland" und "Waltz with Bashir" auch sind, beide umkreisen, wie an einer unsichtbaren Longe geführt, das urdeutsche Trauma, den Holocaust. "Spielzeugland" ist dichter dran, er erzählt direkt von Nazideutschland, aber auch der Konflikt in Nahost ist nichts anderes als die weitergedachte und -getriebene Konsequenz der deutschen Schuldfrage.

Insofern gibt es doch Kontinuität in der deutschen Filmwelt in Hollywood. Der Holocaust hat weiterhin Konjunktur. In den vergangenen Jahren blitzte zwar auch Interesse an anderen Themen der deutschen Geschichte auf - "Das Leben der Anderen" bekam einen Oscar, "Der Baader-Meinhof-Komplex" könnte ihn dieses Jahr bekommen. Ein Grund mag sein, dass sich Amerikaner der Bundesrepublik stets besonders verbunden gefühlt haben. Schließlich war sie das Bollwerk gegen den Kommunismus und wurde 1989 sogar zum Symbol für den Sieg des amerikanischen Prinzips. Insofern üben Filme über die Anfechtungen, die das Land erlebte, einen großen Reiz aus, doch das Leitmotiv bleibt der Holocaust. In amerikanischen Produktionen nimmt seine Darstellung inzwischen immer absurdere Formen an. Gerade hat Quentin Tarantino den Film "Inglorious Basterds" abgedreht, in dem Widerständler die Führungsriege der Nazis in Paris in die Luft sprengen wollen, die Handlung ist frei erfunden. In dem Filmprojekt "Iron Sky" besetzen Nazis gar den Mond. Es scheint, als sei der Holocaustfilm endgültig zum eigenen Genre geworden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben